Judaica

Erfundene Juden ..3

Die schmerzlichen Erinnerungen an dieses Ringen mit der Unsicherheit, an das Chaos und die widerstreitenden Impulse, führten dazu, dass ich in den Monaten unmittelbar nach Kriegsende alle Versuche und Anstöße, mehr über meinen Vater herauszufinden, zurückwies. Ich hatte Angst vor dem, was ich herausfinden könnte. Ich konnte die Möglichkeit nicht ertragen, dass mein idealisiertes Bild von der geradlinigen Rechtschaffenheit meines Vaters, von seinem Gerechtigkeitssinn, seinem Gottvertrauen und seiner Liebe zu Familie und Vaterland den Wahrheitstest nicht bestehen würde. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Zweideutigkeiten, Ambivalenzen, Zweifel, Verärgerung und Schuld die Erinnerung an meinen Vater verdüstern könnten. Ich fühlte dumpf, dass meine eigene Rechtschaffenheit, mein eigener Gerechtigkeitssinn und meine eigene Liebe aufs engste mit den seinen verbunden waren. Ihn infrage zu stellen, bedeutete, mich selbst zu hinterfragen, und ich war viel zu verletzbar und wehrlos, um dies zuzulassen.

Ich war nicht bereit, irgendjemanden zu hassen. Nach dem, was ich von Bodo Wacker und von meinem Vater gelernt hatte, hasste der deutsche Soldat seine Feinde nie. Er bekämpfte sie tapfer in kühnen Schlachten, aber er wusste, dass seine Gegner genauso anständige Soldaten waren wie er selbst. Er wusste, dass auch sie ihre Familien und ihr Vaterland liebten und dass sie bereit waren, sie zu verteidigen und für sie zu sterben. Von Soldaten, ganz gleich aus welchem Land, erwartete man, dass sie sich gegenseitig respektierten. Sie glaubten an viele gemeinsame Dinge, wie z.B. Weihnachten und Ehre und Pflicht. Ich hatte Geschichten darüber gehört, wie Soldaten in den Schützengräben, Deutsche und Franzosen, ihren gegen-seitigen Beschuss eingestellt und gemeinsam Weihnachten gefeiert hatten. Herr Wacker hatte uns berichtet, wie Armeen im Krieg ihre Gefangenen ritterlich behandelten und ihre Wunden versorgten, wie sie sich darüber verständigten, die Kriegshandlungen vorübergehend einzu-stellen, um die Verwundeten vom Schlachtfeld zu holen und die Toten zu begraben. Ich hatte gelesen, dass gegnerische Flugzeugpiloten einander grüßten und Blumen zu dem abgeschossenen Gegner herunterwarfen. Nichts von alledem hatte etwas mit Hass zu tun.


Informationen zu Walter Flex

In seiner Rede vor Schülern, Eltern und Lehrkräften der Großen Schule bekannte sich Herbst von Tacitus über Shakespeare, Luther und Melanchthon bis hin zu Lessing. Zu Walter Flex, einem auch bei den Nationalsozialisten beliebten Helden des Ersten Weltkrieges, gelangt man bei Herbst nach ein paar weiteren Seiten. Im Vorwort schreibt Herbst:
Wenn es für mich einen neuen Anfang geben sollte, dann würde ich ganz neu lernen müssen, wie ich aus dem, was mir in der Vergangenheit wertvoll und wichtig gewesen war, Kraft schöpfen konnte. Wenn ich mein Bekenntnis zu „mehr sein als scheinen“ und mein Versprechen, „treu bis in den Tod“ zu sein in eine andere Welt mitnehmen sollte, dann würde ich die Liebe, die Freundschaften und die Erinnerungen meiner verlorenen Jugend über die Ruinen und Gräber meiner deutschen Vergangenheit hinaus hegen und festhalten müssen. Es war meine Mutter, die mich vorsichtig zu dieser Erkenntnis führte. Ihr letztes Geschenk und ihr Vermächtnis kamen in Gestalt eines kleinen, schmalen Buches, in dem sie für mich die Worte eines Requiems angestrichen hatte:
Totenklage ist ein arger Totendienst, Gesell!... Macht uns nicht zu Gespenstern... Gebt euren Toten Heimrecht... daß wir unter euch wohnen und weilen dürfen in dunklen und hellen Stunden...
Dies war das Requiem für alle, die ich geliebt hatte, und das Requiem für alles, was mir edel und wertvoll gewesen war. Es nahm mich mit in ein neues Leben in einer anderen Welt.


Sein eigenes Requiem schließt Herbst ebenfalls mit Flex:
Aber meine Mutter hatte mir eine letzte Botschaft mitgegeben, in der sie aus Walter Flex’ kleinem Buch über den 1. Weltkrieg „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ zitierte. Das Buch selbst ist ein poetisches Requiem für die Tausenden von jungen Deutschen, die – wie der Kleine in Glinstedt – erfüllt von jugendlichem Idealismus und Vaterlandsliebe ihr Leben gelassen hatten. Gegen Ende des Buches meditiert Flex über den Sinn und die Bedeutung des Requiems. Und eben diese Zeilen wollte meine Mutter mir als Testament von ihr und meinem Vater mit auf den Weg geben:
Totenklage ist ein arger Totendienst, Gesell! Wollt ihr eure Toten zu Gespenstern machen oder wollt ihr uns Heimrecht geben? Es gibt kein Drittes für Herzen, in die Gottes Hand geschlagen. Macht uns nicht zu Gespenstern, gebt uns Heimrecht! Wir möchten gern zu jeder Stunde in euren Kreis treten dürfen, ohne euer Lachen zu stören. Macht uns nicht ganz zu greisenhaften ernsten Schatten, laßt uns den feuchten Duft der Heiterkeit, der als Glanz und Schimmer über unsrer Jugend lag! Gebt euren Toten Heimrecht, ihr Lebendigen, daß wir unter euch wohnen und weilen dürfen in dunklen und hellen Stunden. Weint uns nicht nach, daß jeder Freund sich scheuen muß, von uns zu reden! Macht, daß die Freunde ein Herz fassen, von uns zu plaudern und zu lachen! Gebt uns Heimrecht, wie wir’s im Leben genossen haben! Diese Worte hatte ich im Sinn, als ich mich auf die Heimreise begab, traurig und doch getröstet und in dem Bewusstsein, dass auch ich jetzt ein Wanderer zwischen zwei Welten war, von denen die eine Welt sich für immer hinter mir schloss, während sich eine andere fremd, bedrohlich und verheißungsvoll vor mir auftat.
(Ist Herbst so zu verstehen, dass er diese „heldenhaft“ gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges gedachten Zeilen auch den hingemordeten Opfern der nationalsozialistischen deutschen Gewaltherrschaft widmet?)

Und so reiste nur das Requiem aus Walter Flex’ „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ mit mir durch Zeit und Raum und blieb mein einziges Verbindungsglied zu meiner deutschen Vergangenheit. Es ist zum Requiem geworden für mein Heranwachsen als Jungsoldat, für das Soldatendasein, das ich mir gewünscht hatte, für die Freundschaften und Liebesbeziehungen in meiner Jugend, für das Trauma des Krieges und den Tod, die meine Kindheit und Jugend begleitet haben. Es ist das Requiem für meine Eltern, für Etzel und Dieter, für Etzels Tante und Onkel, für Frau Pfaff und die Pohlys (Ich glaube nicht, dass sich die Nachkommen von Max und Regina Pohly über dieses „Requiem“ freuen würden. J.K.) und für alle diejenigen, die ich geliebt habe und immer noch liebe und zu deren Erinnerung ich dieses Requiem der Liebe und des Überwindens immer feiern werde.

Zunächst ein paar Hinweise zu Walter Flex:

Killy, Walther (Hg.), Literaturlexikon, Bd. 3, Gütersloh 1989, S. 418 f.

Flex, Walter, geb. 6. 7. 1887 Eisenach, f 16. 10. 1917 Insel Ösel (gefallen). - Verfasser von Novellen, Gedichten u. Dramen.
Der Sohn eines Gymnasialprofessors studierte 1906-1910 in Erlangen u. Straßburg Germanistik u. Philosophie u. promovierte mit einer Arbeit über die dt. Demetriusdramen. Danach wirkte F. als Hauslehrer u. Erzieher auf adligen Gütern, darunter mehrere Jahre bei der Familie Bismarck. Auch hier fand u. verfolgte er histor. Sujets für Novellen, Gedichte u. Dramen, in denen er mit gefühlvollem Idealismus u. für seine Zeit typischem Nationalismus die große Führerpersönlichkeit, die Ideologie der Gemeinschaft u. den jugendl. Kampfgeist feierte. Als Freiwilliger zog F. 1914 in den Weltkrieg, hielt sich eine Zeitlang zu kriegsgeschichtl. Arbeiten in Berlin auf u. kehrte dann an die Front im Osten zurück. Er fiel als Offizier nach der Eroberung der livländ. Insel Ösel bei einem Erkundungsritt.
Den größten Nachhall fand F. mit seiner autobiographischen Erzählung „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ (Mchn. 1917). Diese Darstellung des Kriegserlebens wurde millionenfach aufgelegt u. ist in ihrer Wirkung nur mit den Werken Ernst Jüngers u. Erich Maria Remarques vergleichbar, doch von ganz anderer Art. F. setzte damit dem Kameraden u. Wan-dervogel Ernst Wurche ein von begeistertem Ethos getragenes Denkmal: dem geborenen Menschenführer, dem Wanderer zwischen Leben u. Tod, zum Opfer für das Heil des Volkes bereit. Dieser idealistische Heldensang mit seiner homoerot. Tönung entsprach einer sittlich verklärten Gemeinschaftsideologie, die eine Generation von Kriegsfreiwilligen in das sinnlose Opfer von Langemarck führte u. nach dem verlorenen Krieg in der Jugendbewegung neue romant. Blüten trieb. F.' Wanderer wurde zu ihrem Bekenntnisbuch, sein Gedicht Wildgänse rauschen durch die Nacht zu ihrem Erkennungslied. Die Jugendpolitik des Dritten Reichs machte sich diese literar. „Wegzeichen zu eigen.


Jens, Walter (Hg.), Kindlers Neues Literaturlexikon, Bd. 5, München 1989, S. 633 f.
Neben JÜNGERS und REMARQUES Darstellungen ist Der Wanderer zwischen beiden Welten noch heute die bekannteste aus dem Ersten Weltkrieg - an jenen gemessen das Dokument eines fragwürdigkindlichen Idealismus. Auch wenn das in Krieg, Sieg und Opfertod gesuchte Heil für Gegenwart und Zukunft unseres Volkes edle Absicht war und nicht nationaler, sondern sittlicher Fanatismus sein sollte, enthüllt doch die Sprache die Brüchigkeit solcher Auffassung. Nicht nur traditionell klischeehaft, benützt sie überdies, um dem Krieg Sinn zu geben, den biblischen Gleichnisvorrat für die vaterländischen Interessen (z. B. wenn der Kriegseintritt Italiens mit dem Verrat des Judas verglichen wird) oder sucht ihn in den Bereich des Schönen zu entrücken: Mit einmal legte er mir den Arm um die Schulter und rückte das helle Schwert vor meine Augen: Das ist schön, mein Freund! Ja? Etwas wie Ungeduld, und Hunger riß an den Worten, und ich fühlte, wie sein heißes Herz den großen Kämpfen entgegenhoffte. Auch die Nähe zum Schönheitsempfinden des Jugendstils lässt sich vielfach belegen: Der junge Mensch stund schlank und hell auf dem blühenden Grunde, die Sonne ging schimmernd durch seine leichtgebreiteten Hände... Dadurch werden menschliches und kriegerisches Geschehen in eine religiöse und ästhetische Sphäre hinaufgesteigert, die jeglichen Wirklichkeitsbezugs entbehrt.

Nachdem ich beide Ausgaben des Herbstschen Requiems gelesen habe sowie das von ihm hervorgehobene Buch von Walter Flex „Wanderer zwischen zwei Welten“ – und mich auch mit Sekundär-Literatur zu Flex befasst habe, komme ich zu dem Ergebnis, dass Herbst den „Wanderer zwischen zwei Welten“ zum Vorbild für sein Werk genommen hat. Manche Parallelen sind unverkennbar.
Auch Herbst stellt sich als Wanderer zwischen Welten dar, nicht zwischen Europa und Amerika, wie er am Ende betont, sondern schon viel früher:
- Die angebliche Opposition in seinem Aufstieg zum Jungvolkführer mit dem Ziel, Offizier der Wehrmacht zu werden gepaart mit einer angeblich kritischer werdenden Haltung gegenüber den Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen Juden. Einbezogen die über kameradschaftliche Treue weit hinausgehende fast liebende Bewunderung für „Etzel“ und den „General“.
- Sein von soldatischer Tugenden erfülltes Leben in Verbindung mit seinem preußisch-militärisch gesinnten Vater, den er ernsthaft glaubend als den Guten darstellt, der nach dem „Endsieg“ die Waffen-SS zur Rechenschaft ziehen möchte. Einbezogen sein protestantischer Glaube und die enge Beziehung zur Mutter.
Die strukturellen Parallelen zwischen dem Herbstschen Requiem und dem von Walter Flex lassen sich durch Sekundar-Literatur erschließen. Ausführlich wird das Buch von Flex, das im Ersten Weltkrieg publiziert zum populärsten Buch der Zeit wurde, von Hans Rudolf Wahl analysiert: Binnen kurzer Zeit avancierte es zum Kultbuch und behauptete diesen Status dann für ein rundes Vierteljahrhundert. Abschließen möchte ich meine Anmerkungen mit nur einem Zitat von vielen, die das Werk von Flex mit Herbst verbinden könnten:
Resümierend läßt sich zu diesem gewichtigen Bereich der Rezeptionsgeschichte wohl folgendes feststellen: „Der Wanderer zwischen beiden Welten“ von Walter Flex war als prototypischer Vertreter des deutschen Kriegsnationalismus kulturgeschichtlich so wegweisend für den Nationalsozialismus, daß er von diesem ohne Schwierigkeiten adaptiert werden konnte, auch wenn er gegen die Animositäten einiger Funktionäre anzukämpfen hatte. Man muß den kulturellen Nährboden, auf dem der Nationalsozialismus gedeihen konnte, nämlich von den Machtkämpfen der „Diadochen“ im polykratischen System des NS-Regimes und von der Borniertheit „hundertfünfzigprozentiger“ Fanatiker vom Schlage eines Bartels unterscheiden. Letztere schadeten damit im Grunde nur ihrer eigenen gesellschaftlichen Akzeptanz. Und was nun das Flexsche „Christentum“ anbelangt, so unterscheidet es sich von dem der Evangelien in so gravierendem Ausmaß, daß eine auch noch so große Vielzahl an Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament keine grundlegende Diskrepanz zum Programm der totalen Diktatur und des totalen Krieges ergab. Mit seinem nationalistischen Totenkult, seiner Volksgemeinschaftsmythologie, seiner latenten Kriegsbereitschaft und nicht zuletzt mit seiner Adoration des charismatischen Führers bot Flex vielmehr genügend Ansatzpunkte, um ihm Anerkennung und Gefolgschaft in Kreisen einzuwerben, die ansonsten womöglich nicht so bereitwillig die Hand geboten hätten.
1945, am Vorabend der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, bestätigte sich dies ein letztes Mal auf makabere Weise. Der „Großdeutsche Rundfunk“ umrahmte die Nachricht, daß der Führer und Reichskanzler „bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend“ gefallen sei, nicht nur mit Trauermärschen, sondern auch mit einer Lesung aus dem „Wanderer“, in welcher der Tod Ernst Wurches geschildert wurde. Aus dem „Requiem für Leutnant Wurche“ wurde somit ein „Requiem für Adolf Hitler“. Für manchen gläubigen deutschen Nationalisten war Christus an diesem Tag offenbar ein drittes Mal gestorben.