Judaica

Erfundene Juden ..2

Leserbrief:
„Das Buch ist erfüllt von Beschönigungen“

Zum Artikel „Als die Synagoge lichterloh brannte" in unserer Ausgabe vom 30. Mai:
Die Erinnerungen von Jürgen Herbst liegen seit 1999 bereits als Buch in englischer Sprache vor. Ich weiß nicht so recht, wie ich es einschätzen soll: Ist es ein von philosophischer Fantasie erfüllter Roman, vielleicht ein Märchen oder ganz einfach nur eine Ansammlung von Erinnerungen eines Mannes, der es nach 1945 nicht verwinden konnte, ein junger Nazi gewesen zu sein? Das Buch ist erfüllt von teilweise absurden Beschönigungen (sein Jungvolk-Fähnlein stand angeblich in Opposition zu den Nazis), von Verherrlichung der Wehrmacht, die ja letztlich die europäischen Gräuel der Nazis erst ermöglicht hat - und ist schlecht oder gar nicht recherchiert. Eines der am häufigsten benutzten Wörter ist der in Verbindung zum deutschen Soldatentum und seinen eigenen Zielen benutzte Begriff „Ehre". Herbst erfand sogar jüdische Wolfenbütteler, die er durchgehend für seine rührselig-kritischen Betrachtungen der Nazis und die eigene Reinwaschung missbraucht, derjenigen Nazis, die für ihn die schlechten Menschen waren und die Herrlichkeits-Verheißungen des Führers zerstört haben.
Er behauptet, ein jüdisches Ehepaar mit einem kleinen Kind sei in der Pogromnacht aus der Bahnhofstraße in ein Konzentrationslager gebracht worden und nie wieder zurückgekehrt. Eine absurde Behauptung, da in dieser Nacht nur Männer, keine Frauen und keine Kinder, nach Buchenwald gebracht worden waren und einige Monate später zurückkehrten. Die Familie, die er Morgenstern nennt, hat es in Wolfenbüttel nie gegeben. Weiterhin behauptet der Historiker, er habe noch nach der Pogromnacht mit einem Jungvolk-Freund weiterhin bei der Jüdin Lerner Klavierunterricht erhalten. Auch diese Frau ist seine Erfindung. Diese Behauptungen machen auch deutlich, dass Herbst offenbar keinerlei Kenntnisse über die Verfolgung der jüdischen Wolfenbütteler verfügt. Für weitere Belege seiner vielen anderen Buch-Absurditäten reichen die Zeilen eines Leserbriefes nicht aus. Jürgen Kumlehn, Wolfenbüttel


Im Vorwort der dem Kulturstadtverein vorliegenden deutschen Übersetzung nimmt Herbst meine Kritik auf:
Und so begann ich zu schreiben und war mir voll bewußt, daß ich meine Zwecke nur durch kompromißlose Wahrhaftigkeit erreichen könnte. Mich selbst zu betrügen würde es mir unmöglich machen, mich von dem Erlebten zu befreien. Das Erlebte bewußt zu verschönern, zu verkleinern oder zu verleugnen, würde mich meinen Kindern gegenüber zum Lügner stempeln. Aus diesen Beweggründen und Anfängen ist das Requiem entstanden. In den Jahren nach 1999 haben dann weitere Nachforschungen ergeben, daß zwar die Wahrhaftigkeit meiner Erinnerungen an das von mir empfundene Geschehen geblieben ist, daß sich aber meine Erinnerungen als zehnjähriger Junge nicht immer mit dem wirklichen Geschehen deckten. Und das bewegt mich nun, den wirklichen Sachverhalt der von mir beschriebenen Ereignisse der Kristallnacht am 9. November 1938 in Wolfenbüttel zu berichten.
. Der wirkliche Name der auf der Bahnhofstraße 3 lebenden jüdischen Familie war nicht Morgenstern sondern Pohly. Max Pohly, ein Blumengeschäftsinhaber und seine Frau Regine, hatten keine Kinder. Sie wohnten im ersten Stock, unter ihnen im Erdgeschoss der Zahnarzt Bartels, und über ihnen im 2. Stock der Branddirektor Schucht und darüber die Familie Schaale. Nach dem brieflichen Bericht des von mir im Text erwähnten damaligen Sextaners Hans Dieter Bartels wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November gegen 2 oder 3 Uhr alle Klingeln im Haus betätigt und die Bartels hörten ein großes Krachen und Poltern. Sie gingen in das an der Bahnhofstraße liegende zahnärztliche Wartezimmer und sahen auf der Straße einen Lastkraftwagen und zwei oder drei Männer in dunkler Kleidung stehen. Dann, so schreibt Herr Bartels, hörten wir über uns Schreie: "Das ist doch meine wertvolle Briefmar-kensammlung, warum zerreißen sie alles!“ Offenbar wurden auch mehrere Schränke, wohl angefüllt mit Porzellan and Gläsern, umgeworfen; man konnte das aus dem Zersplittern und Krachen heraushören! Schließlich sahen wir, wie Herr Pohly, nur mit Hose und (wohl) Nachthemd bekleidet, mit Fußtritten hinten in den LKW gestoßen wurde. Seine Frau blieb zurück. Ein SS-Mann brüllte beim Heruntergehen der Treppe vor unserer Wohnungstür: „Es ist verboten, der Frau da oben zu helfen.“ - Am frühen Morgen gingen meine Eltern nach oben und sahen - wie sie mir erzählten - daß die Wohnungstür mit einem Schrank von außen verstellt war, so daß Frau Pohly ihre Wohnung nicht verlassen konnte. Sie schoben den Schrank zur Seite. Etwa 4 oder 5 Tage später wurde auch Frau Pohly abgeholt. Wir hörten nie wieder etwas von dem Ehepaar.


Die Beschreibung des Überfalls ähnelt denen, die ich selber von anderen Betroffenen erfahren habe. Falsch ist, dass Frau Pohly ein paar Tage später abgeholt wurde. Dass Herbst nie wieder etwas von dem Ehepaar gehört hat, verdeutlicht, dass er sich nach der Pogromnacht nie wieder für das in seiner Nähe wohnende Ehepaar interessiert hat – was ich für einen 10 bis 11jäh-rigen Jungen durchaus verstehen kann. Nach der Rückkehr ihres Ehemannes aus Buchenwald wohnte das Ehepaar bis zum 18. Januar 1940 in der Bahnhofstraße 3. Beide sind wahrscheinlich Anfang 1943 deportiert worden.
Zu den von ihm erfundenen Albert Morgenstern schreibt Herbst im Vorwort zur deutschen Ausgabe:
Wie, so muß ich mich fragen, bin ich auf den nie existierenden Sohn Albert gekommen? Die Antwort liegt in dem überwältigenden Eindruck, den meine Mutter mir gemacht hat, als sie mir, wie ich im Buch berichte, beim Abtrocknen des Mittagsgeschirrs sagte, daß, wenn mein Vater und sie Juden gewesen wären und ich als kleiner Jude geboren wäre, all das auch uns in der vergangenen Nacht passiert wäre. In den folgenden Wochen und Monaten sah ich mich oft in Alp- und Tagesträumen als solch kleinen Judenjungen mit meinen Eltern aus dem Bett gerissen und die Treppe heruntergestoßen. In meiner Fantasie waren ich und der von mir erfundene Albert miteinander verschmolzen.

Im Nachwort der deutschen Ausgabe schreibt er:
Im Unterschied zu der 1999 in englischsprachiger Sprache erschienenen Ausgabe dieses Buches ist diesem Band das Kapitel „Cornet“ beigefügt. Auch benutze ich für alle hier erwähnten Personen ihre wirklichen Namen. So handelt es sich bei der in der englischsprachigen Ausgabe im Kapitel „Reichspogromnacht“ von mir Morgenstern genannten jüdischen Familie um Max und Regine Pohly. Sie waren kinderlos. Den von mir dort erwähnten vierjährigen Albert hat es nicht gegeben.
Es war der aufrührende und überwältigende Eindruck, den die Worte meiner Mutter auf mich machten, als sie mir, während ihr das heiße Seifenwasser von den Armen auf den Fliesenbo-den der Küche tropfte, in die Augen schaute und sagte, dass wenn ich als kleiner Jude geboren wäre, auch mein Vater aus dem Bett gerissen worden wäre und mein Spielzeug und meine Bücher auf die Straße geworfen worden wären.
In meiner Verwirrung sah ich mich als kleiner Junge in der Wohnung der Pohlys und konnte mich von diesem Eindruck in all den folgenden Jahren nicht befreien.


Diese Sätze, mit denen sich Herbst, der ohne Zwang, freiwillig, engagiert und bewusst zielgerichtet in der „Jungvolk“-Hierarchie aufsteigen wollte, in die Rolle eines Holocaust-Opfers hineinpsychologisiert, sind in der englischsprachigen Ausgabe nicht vorhanden. Aber, so scheint es, Herbst musste für die Erfindung und die Abschaffung des Jungen eine Rechtfertigung finden. Besonders schlimm ist, dass Herbst nun in die Rolle des von ihm erfundenen Opfers hineinschlüpft.

Die jüdische Klavierlehrerin Lerner
(In Wolfenbüttel gab es bis ca. 1937 ein Geschäft in der Langen Herzogstraße, dass der jüdischen Wolfenbüttelerin Louise Lermer gehörte.)

Herbst hat sich mit zwei weiteren jüdischen Familien befasst:
Ich selbst hatte die Pohlys nie gekannt und gesprochen, doch waren mir andere Wolfenbütteler Juden wohlbekannt. Wie im Buch beschrieben war Frau Ella Pfaff, meine Klavierlehrerin, deren Mutter, Frau Bank, eine Jüdin war, nach Nazi-Klassifikation Halbjüdin. So konn-te sie ihre Lehrtätigkeit weiter betreiben und diente später im Krieg als Rote Kreuz Schwester. Ihr Mann, Hans Pfaff, war auch mein geliebter Mathematiklehrer an Wolfenbüttels Grosser Schule.
Herbst benutzt Frau Pfaff, die er in der englischsprachigen Ausgabe „Mrs. Lerner“ nennt, um sein Befremden über die nationalsozialistische Judenfeindschaft zu äußern: Ich nahm mir vor herauszufinden, wie meine Mutter darüber dachte. Ich fragte sie, ob sie noch andere Juden als die Pohlys kenne. Sie schaute mich verwundert an und sagte: „Aber Jürgen, deine Klavierlehrerin ist doch Jüdin.
Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Im Jungvolk, von Herrn Fuchtel und von meinem Biologielehrer war mir beigebracht worden, dass Juden dunkelhaarig waren und krumme Nasen hatten, immerzu schnell redeten und dabei wild mit ihren Händen gestiku-lierten. Frau Pfaff, meine Klavierlehrerin, sah weder so aus noch sprach sie auf diese Weise, noch wedelte sie mit den Händen herum, wenn sie redete. Schließlich war sie meine Klavierlehrerin, und ich beobachtete ihre Hände sehr aufmerksam, wenn sie spielte, damit ich meine Hände und Finger genauso halten konnte wie sie. Außerdem sah Frau Pfaff so aus wie alle Frauen im mittleren Alter in Wolfenbüttel. Sie war groß, gerade gewachsen und blond, sprach in keinster Weise anders und unterhielt sich stets nett mit mir über die Schule und meine Freunde. Die Sache wurde dadurch noch komplizierter, dass ich sie sowohl als Mensch als auch als Lehrerin sehr mochte. Dass sie eine Jüdin sein könnte, war mir nie in den Sinn gekommen.
Jetzt fragte ich mich sofort, was wohl aus ihr geworden war. War sie auch in der Nacht abgeholt worden? Würde ich am nächsten Donnerstag wieder zu ihr zum Klavierunterricht gehen? Aber meine Mutter sagte, der Ehemann von Frau Pfaff, mein Mathematiklehrer, sei kein Jude, er sei Arier. Aus diesem Grunde werde Frau Pfaff nicht abgeholt werden. Und meine Mutter behielt Recht. Am nächsten Donnerstag ging ich wie gewohnt zu Frau Pfaff; sie empfing mich lächelnd an der Tür und wollte mir wie immer meinen Unterricht erteilen. Aber jetzt fühlte ich mich im Hinblick auf sie unwohl. Konnte ich mich von einer jüdischen Frau unterrichten lassen, auch wenn sie mit einem Nicht-Juden verheiratet war? Waren nicht alle Juden für uns Deutsche gefährlich? Hatte Herr Fuchtel nicht genau das gesagt? Hatte ich es nicht immer wieder bei den Jungvolk-Treffen gehört und im gläsernen Schaukasten des Stürmer in großen Lettern gelesen: „Seid stolz darauf, Deutsche zu sein … Die Juden sind euer Unglück … schickt sie zurück nach Jerusalem“? Musste ich nicht aus diesem Grunde meinen Klavierunterricht bei Frau Pfaff abbrechen? So fragte ich mich laut.
„Weshalb denn?“, fragte meine Mutter. „Du machst so gute Fortschritte.“
„Aber sie ist Jüdin“, protestierte ich.
„Ja, und?“, erwiderte meine Mutter. „Dein Freund Dieter nimmt auch Klavierunterricht bei ihr. Er findet nichts Schlimmes dabei.“


Der englische Text unterscheidet sich kaum von dem übersetzten – mit z.B. dieser Ausnahme: Im englischen Text bezeichnet Herbst den „Stürmer“ als „SS-Zeitung“, was unzutreffend ist. In die Übersetzung ist diese Bezeichnung nicht übernommen worden.

Wie schon bei den Morgensterns war ich ebenso überrascht, dass es in Wolfenbüttel eine „jüdische Klavierlehrerin“ gegeben haben soll. Mir war das nicht bekannt. Noch überraschter war ich über Herbsts Aussage, dass noch nach 1938 christliche Jugendliche – hier Mitglieder des Jungvolks – Klavierunterricht durch eine Jüdin erhalten haben sollen. Diese Behauptung aufzustellen deutet erneut darauf hin, dass Herbst keine Vorstellung von dem hat, was in Deutschland zu der Zeit gegen die Juden bereits unternommen worden ist. Die Erziehung der Jugend war eines der Hauptanliegen der Nationalsozialisten. Zudem ist diese Behauptung eine schlimme Beschönigung der Leiden der jüdischen Wolfenbütteler.

Einfügung:
Reichserziehungsminister Rust ordnete die Errichtung von Judenschulen zu Ostern 1936 an, berichtete die Braunschweiger Tageszeitung. Die Trennung solle nicht nach dem Gesichtspunkt der Religionszugehörigkeit, sondern auf der Grundlage der Rassenzugehörigkeit erfolgen. Der Rust-Erlass berücksichtige die nationalsozialistische Forderung, wonach eine Rassengemeinschaft zwischen Lehrern und Schülern erforderlich ist. In den Schulen für Juden sollten all diejenigen Schüler und Schülerinnen zusammenkommen, bei denen entweder beide Elternteile oder ein Elternteil jüdisch sind. Die sogenannten Viertelsjuden, bei denen ein Großelternteil jüdisch ist, konnten bei der Rassentrennung außer Betracht gelassen werden. Um einen genauen Überblick zu bekommen, mussten die Schulen Feststellungen über die Rassenzugehörigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler treffen.

Die Preußische NSDAP-Landtagsfraktion forderte vom Kultusministerium einen rassischen Numerus clausus und verlangte, den Kampf der deutschen Nation gegen den Lügenfeldzug nun auch auf Kinder auszudehnen: Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß es untragbar ist, wenn heute noch jüdische Lehrer an preussischen Unterrichtsanstalten amtieren, während deutsche Frontsoldaten als Aushilfslehrer in ihrem eigenen Vaterlande mit unzureichender Bezahlung herumgestoßen werden. Wir betrachten es weiter als einen unmöglichen Zustand, daß in preußischen Lehranstalten auf die Überheblichkeit jüdischer Schüler und Schülerinnen noch irgendwie Rücksicht genommen wird. In diesen Tagen drehte sich nicht nur die Schraube der diskriminierenden Maßnahmen, allmählich veränderte sich auch die Sprache, mit der begonnen wurde, der jüdischen Einwohnerschaft das Menschsein abzusprechen. So forderten die erwähnten Abgeordneten, sämtliche jüdischen, d.h. vom Juden herstammende oder bastardierende Lehrpersonen mit sofortiger Wirkung von allen Unterrichtsanstalten abzubauen. (31.3.1933.) Die Schulen und Universitäten sollten ihre jüdischen Schülerinnen und Schüler auf das Maß von ein Prozent herunterführen, dem Bevölkerungsanteil der Juden im Deutschen Reich entsprechend.

Herbst bezeichnet Frau Pfaff in der deutschen Übersetzung als Jüdin, im Vorwort als „Halbjüdin“ (offiziell: „Mischling zweiten Grades“ J.K.) mit der Behauptung, ihre Mutter sei Jüdin gewesen.
In ihrer Entnazifizierungsakte erwähnt Frau Pfaff, ihr Großvater sei nicht arisch gewesen. Demnach galt sie entsprechend der rassistischen Sprache der Nazis höchstens als „Vierteljüdin“. Aus diesem Grund war es offenbar möglich, dass Frau Pfaff weiterhin Klavierunter-richt geben konnte, allerdings nicht problemlos. Die Entnazifizierungsakte enthält diesen Hinweis vom August 1946: Da mein Mann und mein Sohn seit 1943 zur Wehrmacht eingezogen waren, und ich allein schutzlos den immer unerträglicher werdenden Angriffen der Gestapo und anderer Parteistellen auf meine Person wegen meiner nicht arischen Herkunft (Großvater war nicht arisch) ausgesetzt war, meldete ich mich auf Anraten meines Mannes im Juni 1944 zur Wehrmachtsbetreuung beim DRK, weil die Wehrmacht die einzige Stelle war, die einen gewissen Schutz vor diesen Angriffe gewährte.

Weitere Details aus ihrem Entnazifizierungsfragebogen: Frau Pfaff bezeichnete sich als ev. lutherisch, war ab 1934 Mitglied der NSV und im DRK tätig als Leiterin eines Soldatenheimes. Ab 1938 gehörte sie dem Deutschen Frauenwerk und der Reichsmusikkammer an. Die Frage Wurden Sie jemals aus rassischen oder religiösen Gründen oder weil Sie aktiv oder passiv dem Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, in Haft genommen oder in Ihrer Bewegungs- oder Niederlassungsfreiheit oder sonstwie in Ihrer gewerblichen oder beruflichen Freiheit beschränkt? beantwortete Frau Pfaff mit: Nein. (Anmerkung: Als Jüdin oder als „Halbjüdin“ hätte Frau Pfaff kaum „Leiterin eines Soldatenheimes“ sein können.)

Von 1930 bis 1935 arbeitete sie als Klavierlehrerin am Konservatorium Wegmann in Braunschweig und gab von 1936 bis 1942 privaten Klavierunterricht in Wolfenbüttel. Von Juli - August 1944 war sie in Holland bei der „Wehrmachts-Betreuung“ tätig, von November 1944 bis Kriegsende in Norwegen. Nach britischer Kriegsgefangenschaft kehrte sie nach Wolfenbüttel zurück und errang in der Stadt durch ihre Arbeit als Klavierpädagogin hohes Ansehen. Anlässlich ihres 90. Geburtstages ehrte sie die Wolfenbütteler Zeitung mit einem Artikel und wies auf ihr pädagogisches Einfühlungsvermögen hin. Die biografischen Details enthalten keine Aussage über ihre „nichtarische“ Abstammung und daraus resultierende Probleme in der Nazizeit. Bekannt wurde sie auch durch die Herausgabe der Briefe ihres im Krieg gefallenen Sohnes Peter Pfaff, die er seinen Eltern geschrieben hatte. Frau Pfaff starb im Mai 1989 im hohen Alter von 91 Jahren.

Alle um die „jüdische Klavierlehrerin“ herumformulierten Aussagen Herbsts scheinen damit gegenstandslos zu sein. In einem Roman wären sie berechtigt, aber doch wohl nicht in einer Beschreibung unter dieser Aussage: Ich wollte ihnen (seinen Kindern. J.K.) dabei helfen, die Welt, in der ich gelebt habe, zu rekonstruieren und zu verstehen, wenn sie es wollten.

Die Missverständlichkeit Herbstscher Äußerungen konfrontiert mit der Realität lässt sich auch aus diesem Passus erkennen:
In manchen Schaufenstern hingen Schilder, auf denen stand: „Juden unerwünscht“, während ich meinen Vater – da waren sie wieder, die Widersprüche, die alles so verwirrend für mich machten – beim Mittagessen über Herrn Bremer den Inhaber des Papierwarenladens auf der Langen Herzogstraße, bei dem ich meine Schulutensilien kaufte, erzählen hörte, er habe sich geweigert, ein solches Schild aufzustellen. Das sei sehr mutig von ihm, sagte mein Vater. Am 31.8.1935 veröffentlichte die Braunschweiger Tageszeitung eine große Anzeige unter der Überschrift Arische Geschäfte in Wolfenbüttel, in der 29 Geschäftsleute mitteilten, ihr Geschäft sei arisch. Darunter befindet sich auch die von Herbst genannte Firma Heinz Bremer, Bürobedarf, Papierwaren.

Das Ehepaar Bücher

Die Aussagen Herbsts zu Elli und Otto Bücher kann ich kaum kommentieren. Ob sie auf der Grundlage all der anderen Erfindungen tatsächlich zutreffen, muss offen bleiben. (Frau Bücher war als Ehefrau eines „Ariers“ zunächst von den Deportationen ausgenommen.) Herbst beschreibt die Gefahr, in der sich Frau Bücher befand: Ein Ortspolizist und zwei Gestapomänner hatten an einem kalten Februarmorgen des Jahres 1945 um zwei Uhr früh an die Wohnungstür der Büchers geklopft. Als Otto Bücher öffnete, sagten ihm diese Männer, sie kämen wegen seiner Frau, und er möchte sie bitte auffordern, sich anzuziehen und mitzukommen. Etzels Onkel starrte die Männer an und stieß einen verzweifelten Schrei aus: „Ihr Bestien, ihr unmenschlichen Bestien! Eure Gesinnungsgenossen waren erst letzte Nacht hier und haben sie abgeholt, und jetzt kommt ihr noch einmal, um euch über mich lustig zu machen und Salz in meine Wunden zu streuen. Geht mir aus den Augen!
Die Männer räumten ein, dass ein Fehler vorliegen müsse und dass sie die Sache im Hauptquartier überprüfen würden. Sie wandten sich um und gingen die Treppe hinunter. Als sie zurückkamen, war Frau Bücher in einem Versteck verschwunden, das schon lange zuvor im Speicher
(Dieser Hinweis ist falsch. J.K.) eines Geschäftshauses in der Langen Herzogstraße vorbereitet worden war. Dort überlebte sie die letzten Monate des Krieges.

Mir liegen andere Informationen vor: Otto Bücher war als Ehemann einer Jüdin gemeinsam mit den „Halbjuden“ (62 Personen) aus dem Landkreis und der Stadt Wolfenbüttel und der Stadt Braunschweig am 16. November 1944 in ein Arbeitslager in Michaelstein bei Blankenburg gebracht worden. Am 15. Januar 1945 befahl das Reichssicherheitshauptamt, die noch existierenden Mischehen zu zerstören und die jüdischen Partner zu deportieren. Elli Bücher erhielt eine Vorladung nach Braunschweig: In einem Ermittlungsverfahren werden Sie hiermit zum Zwecke Ihrer Evakuierung nach Theresienstadt auf Montag, 19.2.45, 7.30 Uhr, in das Dienstzimmer 7 der Gestapo, Leopoldstraße 20 vorgeladen. Mitbringen sollte sie ihre Kennkarte, Ausweispapiere, Lebensmittelkarten, die Vermögenserklärung und 30 RM Fahrgeld. Otto Bücher erreichte die Nachricht von der bevorstehenden Deportation seiner Frau im Lager Blankenburg. Es gelang ihm, kurz nach Wolfenbüttel zu kommen, um etwas zur Rettung seiner Frau zu tun. Er bat seinen Freund Ernst Koch, Besitzer des stadtbekannten Kunsthauses und der Glaserei in der Langen Herzogstraße, um Hilfe.

„Osteinsatz“ der Hitlerjugend

Im Sommer 1943 fragte die erwachsene Hitlerjugendführung von Wolfenbüttel neun von uns Jungvolkführern, ob wir bereit seien, während unserer Ferien vier Wochen in den von der deutschen Armee besetzten Gebieten Polens zu verbringen. Wir sollten dort mit den polnischen Jungen unsere üblichen Jungvolkaktivitäten durchführen, mit ihnen zelten, ihnen Marschieren und Singen beibringen, Fußball spielen, Leichtathletikwettkämpfe austragen und ihnen berichten, wie das Leben für unsere Jungen im Reich aussah.

Einige der in diesem Kapitel von Herbst berichteten Erlebnisse halte ich aus meiner Kenntnis der in Polen 1943 herrschenden Unterdrückungsbedingungen als unglaubwürdig:
Unsere Pflicht bestehe darin, erklärte der Mann, den Wachdienst zu leiten und eine Gruppe von speziell ausgewählten und für vertrauenswürdig befundenen polnischen Jungen zu beaufsichtigen. Diese mussten Tag und Nacht am Stacheldrahtzaun des Lagers entlang patrouillieren. Die Jungen, so sagte er uns, hätten Anweisung, jeden anzurufen, der sich vom Lager her dem Zaun näherte. Wenn ihr Anruf ignoriert oder sie angegriffen würden, sollten sie von ihren Kleinkalibergewehren Gebrauch machen und schießen. Als er unsere ungläubigen Blicke bemerkte, fügte er hinzu: „Hier ist nicht das Reich, wisst ihr. Ihr seid in Polen! Nun los, tut eure Pflicht!“
Wir trauten unseren Ohren kaum. Wir waren den ganzen Weg von Deutschland hierher gekommen, um polnischen Jungen – von denen wir angenommen hatten, sie seien so ähnlich wie unsere Jungen zu Hause – das Zelten und sportliche Wettkämpfe, Spiele und Schnitzeljagden beizubringen und ihnen den Spaß daran, Volkslieder und Kanons zu singen, zu vermitteln. Und nun sollten wir nur an jedem dritten Tag dazu benutzt werden, ein Lager zu bewachen, dessen Insassen im Verdacht standen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu fliehen. Was war das für ein Lager?
(...) Die Jungen, in braunen Drillichanzügen ohne irgendeines der uns vertrauten Symbole, die Rang und Zugehörigkeit anzeigten, waren mit Affen bepackt und trugen schwere Holzbalken, die an Eisenbahnschwellen erinnerten, auf ihren ausgestreckten Armen. Bei jedem Sprung kamen ihre Beine gefährlich ins Schwanken, und sie sanken tief in den Sand ein. Der Mann in Uniform traktierte sie beständig mit gebrüllten Flüchen, sie sollten sich beeilen, und bedrohte sie mit einer Peitsche, wenn sie langsamer wurden. Als einer der Jungen ausrutschte, zur Seite kippte und seinen Balken zu Boden fallen ließ, knallte der Führer über dem Kopf des Jungen mit der Peitsche, trat von hinten nach ihm und schrie ihn an, er solle seinen Balken aufheben und die anderen einholen. Wir waren entsetzt. Das war nicht unsere Vorstellung vom Dienst bei der Hitlerjugend und sicher schon gar nicht beim Jungvolk. Das entsprach mehr dem, was wir über Züchtigungsmaßnahmen in Strafbataillons der Armee gelesen hatten. Wir erkannten, dass wir eine andere Welt betreten hatten als die, die wir erwartet hatten, aber wir waren uns nicht sicher, wie wir darauf reagieren sollten. Wir kamen überein, dass wir mehr über das Lager und seine Insassen und Leiter herausfinden mussten. So entschieden wir, dass Dieter und zwei andere in der Nacht unsere Zelte verlassen und versuchen sollten, mit den polnischen Jungen in ihren Zelten in Kontakt zu kommen. Die von uns, die nicht hingingen, versammelten sich in einem unserer Zelte, um dort den Bericht der Kundschafter zu erwarten. Es war eine bewölkte Nacht mit gelegentlichen Regenschauern. Wir lagen still in unseren Schlafsäcken auf dem Stroh und lauschten angestrengt, ob wir irgendwelche Geräusche von unseren Kameraden ausmachen konnten. Aber alles blieb ruhig. Ich musste eingedöst sein, denn ich schreckte plötzlich hoch, als kurz nach Mitternacht die Zeltplane aufgeschlagen wurde und Dieter und unsere zwei Freunde auftauchten und hereinschlüpften.
Sie berichteten, sie seien von den polnischen Jungen zunächst mit Misstrauen empfangen worden, aber nachdem sie ihren Auftrag erklärt hatten und daraufhin in eines der Zelte hereingebeten worden waren, hatten sie ein ausführliches Gespräch miteinander geführt. Die polnischen Jungen hatten ihnen berichtet, dass sie fast alle zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren alt seien und das ganze Jahr über als Lehrlinge in den schlesischen Kohlegruben arbeiteten. Ihnen standen jährlich zwei Wochen Ferien zu, aber sie wurden gezwungen, diese Zeit im Lager Birkental zu verbringen. Sie hassten das Lager von ganzem Herzen, verachteten aber noch mehr ihre sogenannten „Führer“, Erwachsene aus dem Reich, die durch Partei-mitgliedschaft und andere Beziehungen protegierte Anstellungen gefunden hatten und dadurch vor dem Einzug zum Kriegsdienst geschützt waren. Die polnischen Jungen beschrieben sie als korrupt und rachgierig – eine Bande von Kriegsgewinnlern, die mit hemmungs-losem Sadismus über sie herrschten. Da es spät war und wir in der Nacht nicht mehr viel unternehmen konnten, schlug Dieter vor, dass wir alle über die Dinge nachdachten, die wir gehört und gesehen hatten, und dass wir in den nächsten paar Tagen Augen und Ohren offen hielten und uns alles einprägten, was wir im Lager beobachteten.


Herbst erklärt nicht, wie das Gespräch zwischen polnisch und deutsch sprechenden Jungen abgelaufen ist. Die NS-Propaganda über Polen, die Tatsache von polnischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auch im Landkreis Wolfenbüttel und die öffentlichen Drohungen der lokalen Parteidienststellen der NSDAP (Herbst erwähnt im Buch die NSDAP mit dieser Bezeichnung nur drei Mal.), diesen deportierten Menschen nicht zu helfen, hatten Herbst offenbar nicht erreicht. Er war mit der naiven Vorstellung nach Polen gefahren, dort ganz normale Verhältnisse vorzufinden und „Schnitzeljagden“ organisieren zu können.
Einen Höhepunkt der Desinformation erreicht Herbst in der Beschreibung der Begegnung mit seinem Vater, dem er von seinen Lager-Erfahrungen berichtet hat.:
Und dann blickte mein Vater mich an und fragte mich: „Weißt du jetzt, warum ich traurig und wütend bin? Weil wir ihnen jetzt genau dasselbe antun.“ Nach ungefähr einer Sekunde fuhr er fort: „O, nicht wir alle! Meine Männer tun so etwas nicht, und unsere kämpfenden Soldaten an der Front haben es auch nicht getan. Wir wissen, wofür wir kämpfen: für eine bessere Welt, eine Welt ohne Schrecken, ohne Brutalität, nicht eine Welt von Hass und Mord und Tod! Aber es gibt andere, die nach uns kamen, die andere Absichten verfolgten, die kamen, um sich selbst zu bereichern, und die auf die Leute herabsahen und sie schikanierten – genauso wie die Bolschewiken es gemacht hatten. Nun hast du selbst einige von ihnen gesehen. Diej-nigen, die du korrupt und brutal nennst. Sie entweihen unsere Sache; sie beschmutzen unseren Namen; sie ziehen uns alle mit sich hinunter in den Dreck!“
Er schwieg dann eine Zeit lang, ich ebenfalls. Und dann fügte er hinzu: „Die Leute, die du in dem Lager getroffen hast, diese sogenannten Führer, sabotieren und unterlaufen unsere eigene Sache. Sie entfremden das polnische Volk von uns, während wir sie doch überzeugen sollten und könnten, unsere Freunde zu sein.


Wie bitte? Laut Vater Herbst hat die Deutsche Wehrmacht im Osten „für eine bessere Welt, eine Welt ohne Schrecken, ohne Brutalität, nicht eine Welt von Hass und Mord und Tod!“ gekämpft? Die Polen sollten nicht „entfremdet“ werden? Wie weit muss man von der Realität der nationalsozialistischen Grausamkeiten und der „Ausrottungsabsichten“ in Polen und der Sowjetunion im 21. Jahrhundert entfernt sein, um die Absicht zu haben, derartige Beschönigungen über die Schandtaten der Deutschen Wehrmacht unter die Leute zu bringen? Dieser Satz könnte heute auch von einem NPD-Mitglied gesagt worden sein.

Die „Opposition“ des Jungvolks

Anbetrachts der Bedeutung, die die Nationalsozialisten der Erziehung der Jugend – der Ausbildung und Schulung in der Hitler-Jugend - beimaßen, erscheinen mir Herbst Ausführungen zur NS-kritischen Haltung des von Dieter Dosse und Etzel Fricke – später von Herbst selber – geleiteten Wolfenbütteler Jungvolks recht zweifelhaft. Die Mitgliedschaft im Jungvolk, einer Untergliederung der Hitler-Jugend, war erst ab 1940 Pflicht.

Die Wolfenbütteler Zeitung berichtete am 16. März 1937 „Wozu Jungvolk?“ u.a.: Der Dienst bringt den zehn- bis vierzehnjährigen Jungvolkjungen, ihrem Wesen und ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung entsprechend, keine unnötig scharfe Belastung, verlangt von ihnen keine militärisch strenge und starre Erfüllung aller Aufgaben, sondern ist in seinen ganzen Grundsätzen beweglich und der besonderen Wesensart des Alters angepasst.
(...)
Wodurch das Jungvolk ...... sich von den bisher bekannten Jugendbünden ..... unterscheidet, das ist das Prinzip der Selbstführung. Diese 2,2 Millionen Jungvolkjungen stellen aus ihren eigenen Reihen bzw. den Reihen der HJ ihre Führer. Die Führerschaft wird nach strengen Richtlinien ausgesucht und geschult. In mehr als 30 Führerschulen im ganzen Reich und in einer großen Anzahl von Kursen, Lehrgängen, Wochenendlagern und Führerzusammenkünften werden diese jungen Führer wissensmäßig und charakterlich so vorbildlich ausgerichtet, daß man heute schon von einem neuen Typ des jungen Führers sprechen kann, der in Haltung und Pflichterfüllung seinen wenig jüngeren Kameraden ein wirksames Vorbild ist.

Kommentar: Ist es Zufall, dass diese hohen Erwartungen ausgerechnet bei den drei o.g. Wolfenbütteler Jungvolkführern erfolglos geblieben sind und sie trotz dieser Indoktrination gewissermaßen zu NS-Gegnern wurden und mit dieser oppositionellen Haltung ihre „Fähnlein“ usw. führen konnten?

Weiter heißt es in dem o.g. Artikel:
In den Heimabenden wie auch in allen übrigen Dienststunden erfolgt keine sachlich wissensmäßige Unterrichtung irgendwelchen politischen Stoffes, wie auch überhaupt kein besonderer Lehrplan festgesetzt wird. Die Heimabende werden nach besonderen Richtlinien und Unterlagen der Reichsjugendführung von den Jungen und Führern selbst gestaltet, wie sie überhaupt angeregt sind, mit eigenem Eifer und eigener Dienstfreudigkeit ihre gemeinsamen Stunden auszugestalten.“ (....) So ist es selbstverständlich, daß sich ein Hauptteil des Dienstes in der körperlichen Ertüchtigung abspielt. (...) Die weltanschauliche Schulung ist auf leicht Fassliches, Anschauliches und Grundsätzliches abgestellt, das, aus dem Ideengut des Nationalsozialismus kommend, zur Allgemeinbildung gehören muß.

Anmerkung: Die folgenden Zitate aus Herbsts Manuskript sollten ausgerichtet an obigen Jungvolk-Grundlagen bewertet werden.
So entschied ich mich dafür, beim Jungvolk zu bleiben; und in den nächsten Jahren wurde ich ein begeisterter Führer und stieg rasch in höhere Ränge auf. Ich zählte mich glücklich, einer, wie ich annahm, unendlichen Folge von Schindereien und Nachstellungen von Seiten der Hitlerjugend-Führer aus der Arbeiterklasse entgangen zu sein. Im Jungvolk war ich unter meinesgleichen. Ich erfreute mich der Anerkennung meiner Lehrer und Eltern, und ich hatte das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu einer Laufbahn als Soldat und Offizier zu sein. Meine Führungsposition beim Jungvolk trug nichts dazu bei, mein Mittelklassebewusstsein abzuschwächen.
„Aber wir werden nicht immer da sein!“, sprach Etzel weiter. „Hast du nie bemerkt, dass wir uns selten an die offiziellen Vorgaben der Partei gehalten haben? Als die wollten, dass wir paramilitärische Übungen machen, haben wir unsere Jungen aus der Stadt mit in den Wald genommen, haben Räuber-und-Gendarm mit ihnen gespielt und Volkslieder gesungen. Als sie ideologische Schulung verlangten, haben wir unseren Jungen beigebracht, wie man einen Affen richtig packt und wie man seine Skier wachst. Hast du je von einem anderen Fähnlein gehört, das durch die Stadt marschiert und die ,Internationale‘ singt? Du selbst hast mit deinen Jungen an jenem Tag, als wir das ,Rassenproblem‘ besprechen sollten, einen Dreikilometer-Querfeldeinmarsch gemacht. Und als ich draußen in den Überschwemmungsgebieten zu euch gestoßen bin, habe ich euch allen die Geschichte von Huckleberry Fin und Jim auf dem Floß vorgelesen – aus der Taschenbuchausgabe, die ich unter den Büchern meines Onkels gefunden hatte.
Unsere Begeisterung für Marschieren, Singen und Musik reichte weiter, als was uns die Parteiführer in ihren offiziellen Handbüchern und Liederheften anbieten konnten oder uns zu singen erlaubt hätten, wenn sie davon gewusst hätten. Aber wenn wir die Stadt hinter uns gelassen hatten und unsere Mittwoch- und Sonnabendnachmittage auf einer Lichtung im Wald oder auf einem Hügel an der Oker verbrachten, liebten wir es, Lieder auszuprobieren, von denen wir wussten, dass sie klar jenseits des Erlaubten lagen, so z.B. die „Internationale“, die überall das Kampflied der kommunistischen Parteien ist. Bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, wie wir überhaupt an Text und Melodie herangekommen sind und wer von uns Jungenführern es schaffte, sie uns beizubringen. Aber ich erinnere mich daran, wie wir das Lied zum ersten Mal am Ufer der Oker probten und wie wir dann seinen begeisternden Refrain sangen:
Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht …,
während wir die Lange entlangmarschierten. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer noch einige recht erstaunte Passanten, wie sie uns auf der Straße hinterherstarrten und mit dem Kopf schütteln, und ich erinnere mich daran, dass Etzel mir erzählte, jemand, den er nicht kannte, habe ihn angehalten, als er – immer noch in Uniform – auf der Langen zurückkam, und habe ihn gefragt: „Habt ihr Jungen gewusst, was ihr da singt?“ Etzel sagte, er habe ihm geantwortet: „Nein, nicht so richtig, aber es war eine mitreißende Melodie, oder?“


Anmerkung: Dass Etzel und Herbst und Jungvolk-Mitglieder das Lied der kommunistischen Internationale auswendig lernten und singend durch die „Lange“ zogen, ohne Konsequenzen seitens der Wolfenbütteler NS-Führer, die Herbst allesamt nicht mit Namen benennt, scheint mir total unglaubwürdig. Die NS-Zeit hatte 1933 in Wolfenbüttel mit der Folterung und dem Totschlagen von Kommunisten und Sozialdemokraten begonnen. Circa 10 Jahre danach sollte die NS-Führung in Wolfenbüttel so duldsam geworden sein, dieses Hauptlied der von den Nationalsozialisten mörderisch bekämpften Kommunistischen Internationale in der Stadt zu tolerieren?

Einfügung:
Aus einer Rede des NSDAP-Kreisleiters Bertram zur Machtübergabe an Hitler 1933: „Eins aber darf es ab morgen nicht mehr geben, daß auf der Straße noch "Heil Moskau!" gerufen wird! Dann werden wir nicht lange fackeln und diese Leute sofort einsperren.“

Dazu Herbst:
Es mag schwer sein für manche Leser meines Buches zu verstehen, wie Etzel als Jungvolkführer den Nazis solch subversive Streiche spielen konnte, wie uns Jungvolkjungen auf Wolfenbüttels Langer Herzogstraße marschieren zu lassen und dabei laut und lustig die kommunistische Internationale zu singen. (...) Etzel wußte genau, worum es ging und was er tat. Ich damals allerdings wußte es nicht. Für mich und alle meine anderen Jungvolkfreunde war dies ein Riesenspaß – nichts weiter.
„Natürlich nicht, Jürgen“, erwiderte Etzel. „Was denkst du von mir? Meine Begeisterung ist echt. Ich hätte niemals die Kraft gehabt, so etwas nur vorzuspielen. Außerdem – hast du es schon vergessen? Ich liebe unsere Jungen, und ich habe sie auf meine Art geführt, nicht auf Nazi-Art.
Urteile selbst: Sind die Jungen in unserem Fähnlein eine Bande von überzeugten, fanatischen Nazis? Haben wir in jener Nacht im Jahre 1938 mitgemacht, als die Ladenschaufenster zerstört wurden?
(Allein diese Fragestellung, die natürlich mit nein beantwortet werden muss, zeigt, wie Herbst manipuliert. Sogar die „schlimmen“ Nazis waren nicht auf die Idee bekommen, zehnjährige Kinder, die gerade zum Jungvolk gekommen waren, nachts nach zwei Uhr in die Stadt zu schicken, um Schaufenster zu demolieren. Ich halte diese Gespräche schlichtweg für erfunden, um sich reinzuwaschen! (siehe auch oben: Geschäft Hirsch.) J.K.) Haben wir Juden angespuckt, die den gelben Stern am Mantel tragen? Los, Jürgen, das kannst du nicht bestreiten! Du hast nie einen unserer Jungen so etwas tun sehen, oder?“ Heute begreife ich – ob es nun Etzels Idee oder die seines Onkels gewesen war, „Blücher“ auf die Fahne zu schreiben –, dass das Präsentieren der Fahne in den Straßen eine weitere Maßnahme Etzels gewesen war, um der Partei eins auszuwischen. Nur, dass wir Jungen es nicht wussten. Ich hatte es nicht gewusst bis zu jenem Freitagnachmittag, an dem Etzel mir seine Geschichte erzählte. Und dann, als ich es wusste und Etzel uns verlassen und ich das Kommando über sein Fähnlein übernommen hatte, fühlte ich mich verpflichtet, die Blücherfahne weiterhin wehen zu lassen. Ich tat es wegen meiner Freundschaft mit Etzel und weil ich wusste, dass die Jungen sich verraten gefühlt hätten, wenn ich die Entfernung der Buchstaben befohlen hätte. Ich tat es auch, weil mir nach meiner Erfahrung in Polen und nach alldem, was ich von Etzel gehört hatte, klar geworden war, dass es richtig war, unserer Fahne als Soldatenfahne zu folgen und nicht als Fahne einer Partei. Nicht ganz sicher war ich mir bei der Beantwortung der Frage, ob es nur jugendliches Draufgängertum war, das mich dazu trieb, auf diese Weise meine Ablehnung gegenüber der Partei öffentlich zu machen, oder ob ich auch bereit sein würde, für diese Verweigerung einzustehen und die Konsequenzen zu tragen, wenn man mich zur Rede stellte. Ich wusste es nicht. Ich konnte es nicht sagen. Und heimlich wünschte ich mir, dass ich es niemals würde sagen müssen.

Nicht lange nach diesem Gespräch erhielt Etzel seine Einberufung und verließ uns, um zur Marine zu gehen. Ich wurde zum Fähnleinführer befördert und nahm damit seine Position ein. Ich fühlte mich traurig und geehrt zugleich. An dem Tag, an dem Etzel abreisen sollte, befahl ich dem Fähnlein Blücher, sich am Bahnhof zu sammeln, um Etzel mit einer Verabschiedung zu überraschen. Blücher - ein Feldmarschall der preußischen Armee in der Zeit der Befreiungskriege gegen Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts - war der Name, den wir etliche Jahre zuvor für unser Fähnlein ausgewählt hatten. Durch diese Wahl und durch die Namen, die wir den drei Jungzügen des Fähnleins gegeben hatten – Schill, York und Zieten, preußische Offiziere des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts –, machten wir deutlich, wer unsere Helden waren und welchen Traditionen wir uns verpflichtet hatten.
„Nun, ich spreche von Lumpen und Knochen, oder, genauer gesagt, den Lumpen- und Knochensammlern, die über unser Leben bestimmen und die wollen, dass auch wir zu Lumpen- und Knochensammlern werden. Sie sind es, die uns in die Katastrophe hineinführen!“ Etzel beschrieb mit seinem ausgestreckten rechten Arm einen Bogen. „Ich meine die Erwachsenen, die die Hitlerjugend führen, die Burschen, die wir in Kattowitz und in Birkental getroffen haben, die Oberaufseher und die Kreisleiter hier in Wolfenbüttel, die Weltanschauungslehrer, die Verwandten und die Lehrer, wie Herrn Fuchtel, die Phrasen über das Tausendjährige Reich verspritzen – die dicken Fische genauso wie die kleinen.
Als ich zwölf Jahre alt war und mein Vater seinen ersten Heimaturlaub von der Armee bekam, hatte ich noch viel drängendere Fragen, die ich ihm stellen musste. Ich wollte wissen, weshalb der Führer vor zwei Jahren die Kontrolle über die Armee übernommen und mehrere Generäle entlassen hatte. Mein Vater antwortete darauf nur, dass gute Soldaten die Befehle ihrer Vorgesetzten nicht hinterfragten. Ich akzeptierte diese Antwort, weil ich mich als Sohn eines Offiziers und selber als zukünftigen Soldaten betrachtete, und hielt es nicht für ange-messen, weiterzufragen. Aber ich fühlte mich doch unbehaglich bei der Vorstellung, dass der Führer, der selbst keine Offiziersausbildung durchlaufen und nicht den normalen Aufstieg über die Ränge genommen hatte, Soldaten, sogar Generäle, aus ihren Positionen entlassen konnte. Das erschien mir nicht richtig, und ich wollte wirklich gerne wissen, wie so etwas möglich war.
Ein weiterer und noch gewichtigerer Grund für mein schulisches Absinken war mein wachsender Einsatz beim Jungvolk. Nachdem ich vierzehn geworden war, stieg ich Schritt für Schritt in den Rängen auf – vom Verantwortlichen für eine Jungenschaft von zehn Jungen zum Führer eines Jungzugs von dreißig und schließlich, im Alter von sechzehn Jahren, als Nachfolger von Etzel, zum Führer eines Fähnleins von hundert. Weil es ein Wahlspruch der Hitlerjugend war, dass „Jugend durch Jugend geführt werden“ sollte, standen wir Jungvolkführer außerhalb von direkter erwachsener Aufsicht und legten die Anweisungen, die vom Hauptquartier der Partei an uns weitergeleitet wurden, nach unserem Belieben aus. Dabei half uns die zufällige Tatsache, dass der erwachsene Führer der Wolfenbütteler Hitlerjugend ein Kriegsheld war, der seinen linken Arm im Gefecht verloren hatte und an Nazi-Ideologie, Parteigeschichte und Hitlers Leben nicht mehr Interesse besaß als wir. So hörten – mit Unterstützung des „Generals“ und unter der Leitung unseres Fähnleins durch Etzel – die langweiligen Heimabende über Themen, die von der Partei vorgeschrieben waren, auf. Stattdessen lasen wir unseren Jungen Abenteuer- und Kriegsgeschichten vor, spielten Scharaden und Ratespiele und erlernten ein großes Repertoire von Volks- und Militärliedern, von Kanons und von Wanderliedern aus der Wandervogelzeit in der Weimarer Republik.


. Mitte März 1944 will Herbst in einem Bunker in der Nähe des Hannoverschen Bahnhofes „Edelweißpiraten“ getroffen haben:
Aber wir alle starrten wie hypnotisiert auf eine kleine Gruppe von Jugendlichen, überwie-gend Jungen, die in der Mitte der grauen Betonhalle auf dem Boden saßen. Es waren Edelweißpiraten, wie sie selbst sich bezeichneten – Jugendliche, die gegen Ende des Jahres 1944 überall im Land damit begonnen hatten, ihre Verachtung für die Hitlerjugend und die Nazis offen zu zeigen. Ich war ihnen zum ersten Mal auf der Langen Herzogstraße in Wolfenbüttel begegnet, als ich noch bei meinen Jungen vom Fähnlein Blücher war (Demzufolge war es nach 1938. Nicht glaubhaft. J.K.) Ich hatte sie damals für ein Ärgernis gehalten, da sie in Kleidung und Benehmen unangenehm von uns Jungen vom Jungvolk abstachen und bestenfalls zu ignorieren waren. Doch ich hatte mir schließlich gesagt, dass sie – abgesehen davon, dass sie als schlechtes Beispiel dienten – nichts wirklich Schlimmes taten.
Als ich sie in ihre Gitarren greifen sah und ihrem traurigen Gesang lauschte, wurde ich wider Willen eigenartig davon berührt. Sie sangen von einer jungen Frau, die ihren Soldaten spät am Abend lieben musste und die es – für den Fall, dass sein U-Boot nicht mehr auftauchte, sein Flugzeug nicht zurückkam oder sein Fallschirm sich nicht öffnete – aufgeben sollte, auf ihn zu warten, weil er nicht mehr zurückkommen würde. Wer konnte gegen die Worte, die sie sangen, etwas einwenden? Würde ich wollen, dass Ulla auf mich wartete, wenn ich nicht aus dem Krieg zurückkehren sollte? fragte ich mich. Während wir hier in flackerndem Licht zwischen schwankenden Wänden saßen – sprach da ihr Lied nicht wahrheitsgemäßer zu uns als die Nazi-Parole, die an die Wand geschrieben war: „Räder müssen rollen für den Sieg!“, oder als unser Marschlied in Rodewald: „Stolz halt ich für Deutschland Wacht und froh ist stets mein Sinn“? Die „Räder“ da draußen standen totenstill, und niemand wusste, ob sie uns auf unserem Weg weiter voranbringen würden, wenn wir erst einmal wieder aus dem Bunker heraus waren. (...)
Das Lied der Edelweißpiraten, fand ich, kam der Wirklichkeit, die wir erlebten, näher als die Parole und der Text des Marschliedes.
Der Auftritt der Jugendlichen, ihr Lied, das Beben bei den Bombeneinschlägen und das Schwanken des Bunkers hatten uns alle wie verhext. Keiner der Menschen auf den Bänken schien noch länger an das Bedrohtsein durch den eigenen Tod zu denken, sondern jeder war von der eindringlichen Melodie des Liedes und vom auffälligen Aussehen der Jungen und Mädchen, die es sangen, hypnotisiert. Mit ihren langen Haaren, den bunten Halstüchern über dem Kragen und den seitlich aufgeschnittenen Hosenbeinen machten die Jungen sich ostentativ über das soldatische Aussehen lustig, das von deutschen Jugendlichen erwartet wurde. Die Mädchen – bekleidet mit Pullovern und weiten Röcken, die über graue Cordhosen wallten – sahen aus, als seien sie gerade unter den ausgebombten Ruinen da draußen hervorgekrochen. Ihre Botschaft handelte von Tod und Kummer, nicht vom Endsieg, der in dieser Zeit der Hauptgegenstand der Nazipropaganda war. Ich fand nicht, dass diese Szene ein gutes Omen für meinen Eintritt in den Krieg war.


Das Grosse Lexikon des Dritten Reiches:
Edelweißpiraten, von den Nat.-soz. als „jugendliche Cliquen“ verfolgte Widerstandsgruppen von jungen Arbeitern, Lehrlingen, Schülern, die sich vornehmlich im Rheinland zus.gefunden hatten, ohne feste Organisator. Fügung und ohne einheitl. Ideologie, die als gemeinsames Erkennungszeichen ein Edelweiß auf bzw. unter dem linken Rockaufschlag trugen oder eine edelweißfarbene Stecknadel. Nach 1933 kamen besonders in den Städten oppositionelle Jugendliche in „wilden Jugendgruppen“ zusammen, führten illegal Formen und Inhalte der christlichen, Sozialist, und bünd. Jugendbewegung weiter oder betonten nur äußeren Nonkonformismus (lange Haare, hören „undeutsche“ Swingmusik) und wollten sich manchmal auch bewußt gegen militär. Drill und Intoleranz der HJ abgrenzen. So bildeten sich Cliquen wie die Dresdner „Mobs“, die Hamburger „Totenkopfbande“ oder die Edelweißpiraten., die zunächst nur unbeaufsichtigt wandern und zelten wollten, dann spontanen polit. Widerstand artikulierten, sich mit der HJ prügelten, Flugblätter verteilten u. ä. Einige Mitglieder der E. gingen in die Illegalität, verübten Sabotageakte in der Rüstungsindustrie oder Anschläge auf SA-Führer. Die Zahl der Jugendl., die sich den HJ-Dienstpflichten entzogen, war schließl. so groß, daß 1944 „Richtlinien zur Bekämpfung jugendl. Cliquen“ erlassen wurden. Aktionen, die eher Jugendprotest und Generationskonflikte ausdrückten, wurden von der Gestapo kriminalisiert. Ende 1944 verhaftete sie 13 E. und ließ sie ohne Verfahren öffentlich aufhängen. Ihre Angehörigen kämpften nach dem Krieg lange um deren Anerkennung als Widerstandskämpfer. (...)

Herr Heine, Mitarbeiter des Stadtarchivs Hannover und Kenner der lokalen Geschichte des Dritten Reiches, teilte mir mit, seines Wissens habe es in Hannover keine Edelweißpiraten gegeben. Seitens der Uni Hannover habe es eine leider nicht zu Ende geführte wissenschaftliche Untersuchung zum Jugend-Widerstand gegeben. Diesbezügliche Gestapo-Akten seien nicht mehr vorhanden. In Hannover habe es, wie auch anderswo, Jugendliche gegeben – die sogenannte „Swing-Opposition“ -, die sich durch Musik und Kleidung von der Hitlerjugend zu unterscheiden versuchte. Bei der Bewertung dieser Jugend-Aktivitäten ist die zeitliche Einordnung von besonderer Bedeutung. Ein Manko vieler Beschreibungen durch Jürgen Herbst ist eben gerade der Mangel zeitlicher Festlegungen.

Dass es 1944 Jugendlichen öffentlich in einem Bunker möglich gewesen sein soll, eine NS-kritische Haltung durch Musik und Aussehen zu offenbaren, scheint mir unwahrscheinlich. Es war die Zeit nach „Stalingrad“ mit der immer stärker werdenden „Endsieg-Hysterie“. Menschen, die sich öffentlich gegen den Krieg äußerten oder gar den „Endsieg“ bezweifelten, mussten damit rechnen, zum Tode verurteilt zu werden. Ich möchte an das Schicksal von Erna Wazinski erinnern, dem 17jährigen Mädchen aus Braunschweig, die im Oktober 1944 wegen angeblicher „Plünderung“ zum Tode verurteilt und in Wolfenbüttel hingerichtet wurde. Oder Heinrich Wedekind aus der Stobenstraße in Wolfenbüttel, der am 27. November 1944 vom Berliner Volksgerichtshof wegen in Wolfenbüttel geäußerter Kritik am NS-Staat u.a. wegen „Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde vollstreckt.

An dieser „Edelweißpiraten-Äußerung“ wird meines Erachtens ein weiteres Mal deutlich, wie wenig Erfahrung der Historiker Herbst mit der deutschen NS-Geschichte besitzt. Ich empfehle ihm das Buch von Hans-Ulrich Ludewig und Dietrich Kuessner „Es sei aber jeder gewarnt“ – Das Sondergericht Braunschweig 1933-1945, Braunschweig 2000.

Herbst und Etzel am „Grab“ eines abgestürzten alliierten Bomberpiloten:
(Die Piloten wurden u.a. als Terrorflieger bezeichnet. In Wolfenbüttel und Halchter sind zwei Piloten, die mit dem Fallschirm abgesprungen waren, ermordet worden. (Herbst 1944) Vgl. Beier, Frank, Die Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1933 bis 1945, Wolfenbüttel 2003, S. 167 f.)

Ich fragte mich, ob wir ein Gebet sprechen sollten. Ich blickte zu Etzel hinüber, aber er bemerkte es nicht. Er sah nur das Grab an. Da sagte ich nichts. Ich spürte, dass die Zweige unsere Gefühle besser zum Ausdruck brachten als alles, was wir hätten stammeln können. Wir waren ernst und traurig und betrachteten uns und den toten Piloten als Kameraden, Soldaten in einer Welt voller Krieg. Es machte wirklich keinen großen Unterschied, auf welcher Seite ein Soldat kämpfte und fiel, dachte ich. Sein Gott und unserer, war er nicht derselbe? Wie lange würde es noch dauern, bis auch wir, Etzel und ich, uns mitten im Kampf befanden? Und wenn uns so etwas zustieße – würde dann jemand wie wir an unseren Gräbern stehen und ein Gebet sprechen?
Hier, unter den Soldaten der Division Großdeutschland, musste ich mich nicht länger entscheiden. Ich stand auf der Seite der Armee, die ihren Kampf für Deutschland führte, für sein Volk und seine Ehre. Hier erwähnte niemand jemals die Partei; es war sich jedoch jeder der Tatsache sehr bewusst, dass wir, als die Elitedivision des Heeres, das Gegenstück der Wehr-macht zur Waffen-SS waren, dem militärischen Arm der Partei. Obgleich wenig über das angespannte Verhältnis zur SS gesprochen wurde, wurde aus dem Bekenntnis unseres Liedes zum Glauben an Gott und aus gelegentlichen Bemerkungen unserer Unteroffiziere, dass die SS nicht den militärischen Traditionen Deutschlands entspreche und die Wehrmacht in einen schlechten Ruf bringe, mehr als deutlich, dass die alten Soldaten der Division nicht der Mei-nung waren, wir hätten irgendeinen Grund, die Waffen-SS zu bewundern oder zu unterstüt-zen. Die Tiefe ihrer Verachtung und ihres Hasses auf die SS wurde allerdings erst richtig deutlich, als wir uns einen Monat später im Kampf befanden. Da befahl uns unser Spieß, der am höchsten dekorierte Unteroffizier der Kompanie, in einem Dorf namens Glinstedt unsere Gefechtsstellungen einzunehmen; dann wies er auf eine Panzerabwehr-Batterie der SS, die sich etwas links vor uns befand. Obwohl unser Schussfeld zu unserer Rechten lag, bemerkte er spontan, wir könnten es nach links ausdehnen, wenn wir wollten. Das Grinsen auf seinem Gesicht ließ bei uns keinen Zweifel daran bestehen, dass er meinte, was er sagte.


Die guten deutschen Soldaten und die Bösen .... (Nazis)

Schon lange ist bekannt, welche Verbrechen Wehrmachtsteile an allen Fronten begangen haben. Die Legenden von der schlimmen SS und der tugendhaften Wehrmacht, ihren Offizieren und den tapferen Soldaten wird nur noch von Menschen verteidigt, die entweder Tat-sachen nicht zugänglich sind, ihre eigene Rolle lieber verklären als selbstkritisch zu sein oder einem gesellschaftlichen oder politischen Lager zuneigen, das die „heroischen Taten“ deut-scher Soldaten und deren „Kampf für das Vaterland“ verehrt wissen wollen. Der Zweite Weltkrieg war ein verbrecherischer Mord an Menschen in unseren Nachbarstaaten, vor allem in Polen und in der Sowjetunion. Dass sich die Staaten gegen die deutschen Eroberungen zu Wehr setzten, kann doch nun wahrlich nicht als „Kampf für unsere Heimat“ bezeichnet werden. Hierauf machte ich bereits 1981 in einer Kreistagsrede aufmerksam, nachdem im Heimatbuch 1980 ein Foto des damaligen Bundestagsabgeordneten Edelgard Rock in deutscher Wehrmachtsuniform mit der Unterschrift erschienen war: „Im Kampf um die Heimat 1942.“ (Vgl. Heimatbuch 1980 des Landkreises Wolfenbüttel, S. 27 ff.) In Wahrheit war die Wehrmacht 1942 maßgeblich am Überfall vieler europäischer Länder beteiligt und ermöglichte die grauenhaften Massenmorde, für die wir auch weiterhin die Verantwortung als Land tragen.

Irgendwo in dieser Szene steht auch Jürgen Herbst mit biographischen Beschreibungen seines „militärischen Beraters“, seines Vaters - als Offizier der im Osten kämpfenden und erobernden Wehrmacht. Einige Zitate: Und was war mit meinem Vater? Er hatte mir gegenüber erstmals zugegeben, dass Dinge in unserem Land nicht in Ordnung waren, dass es Korruption und Brutalität gab, dass nicht alle unsere Führer ehrenwerte Männer und tapfere Soldaten waren. Er hatte tatsächlich mehr zu mir gesagt, als ich zunächst gehört zu haben zugeben wollte. Aber die Erinnerung an das, was er gesagt hatte, blieb mir im Gedächtnis und drängte immer wieder unerwartet an die Oberfläche. Es waren Aussagen wie: „Die anderen, … , diejenigen, die Du korrupt und brutal nennst; die unsere Sache entweihen, die unseren Namen beschmutzen, die uns alle mit sich hinunter in den Dreck ziehen“, und dass er hinzugefügt hatte: „und die Männer der Waffen-SS sind die Schlimmsten von ihnen. Wir von der Armee werden sie zur Rechenschaft ziehen müssen. Aber“, ergänzte er, „das muss warten, bis der Krieg gewonnen ist. Dann wird der Tag der Abrechnung kommen!“
„Dann wird der Tag der Abrechnung kommen!“ – jener Satz bekam in meinem Kopf ein Eigenleben. Wenn er hervorbrach, was immer wieder geschah, dachte ich an Korruption und Brutalität. Ich sah in Gedanken wieder den Stacheldrahtzaun um das Lager von Birkental, den beladenen Tisch beim Führerfraß, die Jungen mit den Balken auf ihren ausgestreckten Armen, die ameisenartigen Menschen in der Tagebau-Grube. Ich dachte an die ukrainischen und die russischen Landarbeiter, die nun von genau denselben Menschen, die sie als ihre Befreier begrüßt hatten, ausgebeutet und unterdrückt wurden. Wie sollte ich mit alledem umgehen? Wie würde das Gesehene sich auf meine Zukunft auswirken? Wie passte es in eine Welt, von der ich angenommen hatte, sie werde von Liebe zur Heimat und zu den Menschen, zu Treue und Ehre regiert? Ich fühlte, wie der Zweifel in mein Denken eindrang. Zu den Widersprüchlichkeiten meines Lebens in der Schule und im Jungvolk war nun der Zweifel an der Ehrbarkeit der Sache meines Landes hinzugekommen.

Was war das für eine Kraftquelle, die meinen Vater durch das Grauen der Schützengrabenkämpfe des Ersten Weltkrieges hindurchgetragen hatte und die ihn nun aufrecht hielt, während er in Polen seine Soldaten anführte? Was erlaubte es ihm, in der Ausübung seiner Pflichten fest zu bleiben, auch wenn er angefangen hatte, die Rechtmäßigkeit und Ehrbarkeit der Sache, für die er kämpfte, anzuzweifeln?


Das Buch enthielt die Antwort: Es war der christliche Glaube meines Vaters, der ihm die Messlatte gegeben hatte, an der er die Taten der SS maß und anhand derer er sie verurteilte und die ihn vom Tag der Vergeltung hatte sprechen lassen. Es war derselbe Glaube – möglicherweise von verzweifelter Hoffnung getragen –, der ihn dazu bereit gemacht hatte, auf diesen Tag zu warten, bis der Krieg gewonnen war. Es war auch dieser Glaube, der ihm die Kraft gab, zu seinem Pflichtgefühl zu stehen, auch wenn er die Kompromisse mit dem Bösen erkannte, die dieses Pflichtgefühl verlangte. Es war der Glaube, dass Gottes ewige Gerechtigkeit am Ende den Sieg davontragen würde.“
Tief verborgen in den hintersten Kammern meines Gedächtnisses waren allerdings die Worte, die mein Vater in Radlin zu mir gesprochen hatte: dass ein Tag der Abrechnung kommen und die Armee die SS zur Rechenschaft ziehen würde. Ich wusste, dass die Juli-Bombe von einem Offizier der Wehrmacht gelegt worden war und dass Heereseinheiten an der Verschwörung beteiligt waren. Das hatten die Zeitungsüberschriften und die Radiomeldungen sehr deutlich gemacht. Hatte mein Vater gewusst, dass so etwas bevorstand? Hatte er in Radlin darauf angespielt? Sympathisierte er mit den Verschwörern, unterstützte sie viel-leicht sogar? Dann erinnerte ich mich aber auch daran, dass er gesagt hatte, die Abrechnung würde erst stattfinden, nachdem wir den Krieg gewonnen hätten. Also konnte er die Juli-Verschwörung nicht gemeint haben. Aber wie konnte ich mir da sicher sein? (Herbst lässt aber auch keine Spekulation aus, um sich und seinen Vater – auch wenn es nur hypothetisch ist – auf die Seiten der „Guten“ zu schlagen. J.K.)

Fortsetzung Teil 3