Judaica

Erfundene Juden ... 1

Selbstentnazifizierung auf Kosten erfundener jüdischer Wolfenbütteler oder Akzeptanz von Falschdarstellungen der nationalsozialistischen Gesellschaft in Wolfenbüttel - verdeckt hinter dem Recht eines Autors, auch subjektiv zu berichten?
Juni 2010

Wir brauchen und haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigungen und ohne Einseitigkeit.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag.

Der Arbeitskreis Geschichte des Wolfenbütteler Kulturstadtvereins hat sich seit September 2008 mit der „Rückholung“ der ehemaligen Synagoge in der Harzstraße 12 in das geschichtliche Bewusstsein Wolfenbüttels befasst - und engagiert sich auch weiterhin. Geplant ist die Veröffentlichung eines schriftlichen „Rundganges zu Stätten des jüdischen Lebens“ in Wolfenbüttel. Vor fünf Jahren hat sich der Kulturstadtverein maßgeblich an der Initiative zur Errichtung eines Jüdischen Denkmals beteiligt. Erwähnt werden muss auch die 2008 durchgeführte „Synagogen-Ausstellung“ im Schloss. Das sind bemerkenswerte Anliegen, die zukünftig im Sinne einer ganzheitlichen Erinnerungskultur durch weitere Maßnahmen – z.B. zur Samsonschule – ergänzt werden können.

Leider muss ich berichten, dass der Kulturstadtverein plant, ein Buch zu veröffentlichen, das diese positive Arbeit aus meiner Sicht konterkarieren würde. Der aus Wolfenbüttel stammende amerikanische Historiker für amerikanische Geschichte, Jürgen Herbst, hat 1999 in englischer Sprache (Vgl. Herbst, Jürgen, Requiem for a German Past. A boyhood among Nazis, Madison 1999.) seine Jugend-Erinnerungen und seine bewusst gewollte Karriere als Wolfenbütteler Jungvolkführer in einer Weise beschrieben, die nicht nur eine Beschönigung der Wolfenbütteler nationalsozialistischen Vergangenheit enthalten, sondern auch von ihm speziell erfundene jüdische Einwohner inclusive eines achtjährigen Kindes für seine späte „Entnazifizierung“ missbraucht. Die Tendenz des Buches ist ein Anachronismus und enthält ein geschichtliches Bewußtsein der 1950er Jahre. Die seitdem erfolgte tiefgreifende Weiterent-wicklung der Geschichtswissenschaft zum Thema „Drittes Reich“ scheint an Herbst, der Wolfenbüttel 1948 verließ, vollkommen vorbeigelaufen zu sein. Die Erfindung jüdischer Wolfenbütteler zur eigenen Reinwaschung erinnert mich an Entnazifizierungsakten im Wolfenbütteler Staatsarchiv, in denen Belastete – wie es seinerzeit durchaus üblich war, einen „Juden vorstellten“, auch wenn sie mit ihm nach 1933 nur einmal Skat gespielt haben wollen – den Versuch unternahmen, sich zu entlasten. (Zu erinnern ist auch an die Spendenaffäre der hessischen CDU, die illegale Parteispenden als angebliches Erbe verstorbener Mitbürger jüdi-scher Abstammung (die sogenannten jüdische Vermächtnisse) verbucht hat.)
Dass ausgerechnet Herbsts Jungvolk-Fähnlein – auch in einer angeblichen Mitleids-Haltung gegenüber der Judenverfolgung - in Opposition zur Wolfenbütteler NSDAP gestanden haben soll, ist eine unglaubwürdige und unbelegte Behauptung des Autors.

Das Buch soll in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht werden. Aus meiner Kenntnis der Wolfenbütteler NS-Geschichte und der Geschichte des jahrzehntelangen Vergessen danach wäre dieses Buch ein weiteres Beispiel für die missverständliche Darstellung der NS-Zeit. Die unzutreffenden und teilweise erfundenen „historischen“ Inhalte des Buches – die der Autor zugegebenermaßen nicht recherchiert hat - werden vom Vorstand des Kulturstadtvereins als eine subjektive Betrachtungsweise hingenommen. Da es sich bei diesem Buch aber nicht um einen Roman handelt, sondern um eine autobiographische Beschreibung mit vielen historischen Ereignissen, halte ich die Aussage des subjektiven Rechts zur Erfindung und willkürlicher Veränderung historischer Begebenheiten für einen Versuch, über diese Konstruktion eine Veröffentlichung dieses Buches zu rechtfertigen. Auch wenn bei einer Veröffentlichung in einem Begleittext in allgemeiner Form auf die Subjektivität hingewiesen würde, würden viele Leserinnen und Leser die falschen und erfundenen Darstellungen als Tatsachen ansehen.

Hintergründe

Als Mitglied des Kulturstadtvereins und des Geschichtsarbeitskreises bin ich bisher davon ausgegangen, über geplante Veröffentlichungen zur Geschichte der Wolfenbütteler nationalsozialistischen Zeit durch den Kulturstadtverein informiert zu werden – wie es z.B. auch mit dem Buch über Wolfenbütteler Frauen geschehen ist. Dass ein paar Mitglieder an der Spitze des Vereins so ein Projekt ohne Informierung von Mitgliedern verwirklichen wollten, empfinde ich als nicht vereinsdemokratisch. (Vgl. Satzung Kulturstadt Wolfenbüttel e.V., § 6/1: Die Mitglieder des Vereins verpflichten sich durch den Beitritt, die Ziele des Vereins zu fördern. Sie sollen nach Möglichkeit an allen wesentlichen Maßnahmen beteiligt werden.)

Es hätte der Sache und dem Verein gut getan, der sich ja doch wohl noch zu dem Ziel „Schaffung eines kulturellen Bewusstseins in allen Schichten der Bevölkerung auf dem Wege der Teilhabe in den Initiativen“ bekennt, Mitglieder mindestens zu informieren. (Vgl. Raabe, Paul, Projekt „Kulturstadt Wolfenbüttel“, Bürgerschaftliche Kultur-Initiative in einer Mittelstadt, Wolfenbüttel 2003, S. 1.)

Nur durch Zufall habe ich von dieser Absicht im Mai 2009 (in Braunschweig) erfahren, als die Vorbereitungen zur Veröffentlichung (durch den Verlag Appelhans) bereits fortgeschritten waren. Ich habe die Vereinsleitung mehrfach über die problematischen Inhalte des Buches informiert. Die wenigen Reaktionen waren nicht hilfreich. In der Mitgliederversammlung am 30.11.2009 bekundete meine Irritation über die Absicht, dieses Buch durch den Kulturstadtverein zu veröffentlichen. Der Vorsitzende ging kurz darauf ein und schlug vor, zu dem Buch eine Podiumsdiskussion zu veranstalten. Erst durch diesen Hinweis haben Vereinsmitglieder von diesem Buch erfahren.

Anfang Juni 2010 erhielt ich die Einladung, als Diskutant an einer Podiumsdiskussion am 18. Juni teilzunehmen. Aus folgenden Gründen lehnte ich ab:

- Das Ziel dieser Diskussion ist unklar.
- Ich lehne ab, da ich mich nicht an einer Veröffentlichung des Buches durch den Kulturstadtverein beteiligen möchte.
- Ein Podium mit bis zu sieben Diskutanten und der Absicht, auch das Publikum zu Wort kommen zu lassen, halte ich schon allein aus zeitlichen Gründen für vollkommen ungeeignet, das Buch zu besprechen.
- Auf einer Veranstaltung dieser Art können die genau zu betrachtenden Details nur sehr oberflächlich behandelt werden. Ein Verständnis der Falsch- und anderen Darstellungen kann auf diese Weise nicht erreicht werden.
- Das Publikum kann Inhalte nur über kurze Stellungnahmen erhalten.
- Es besteht die Gefahr, dass die Diskussion über eine Betrachtung des Buches mit allgemein gehaltene Aussagen zu Büchern dieses Genres nicht herausführt.
- In der geplanten Zusammensetzung des Podiums fehlt, da es sich besonders auch um jüdische Inhalte handelt, ein mit diesem Thema vertrauter Diskutant - und bei den angefragten Diskutanten um genügend Kompetenz zur NS-Geschichte Wolfenbütels.

Wie schwierig die Durchführung einer solchen Veranstaltung ist, zeigt schon die Einladung, in der vom „Zusammenbruch des Dritten Reiches“ die Rede ist. Aus meiner Sicht ist das Dritte Reich nicht zusammengebrochen, sondern es wurde durch die Alliierten zerstört – und die Deutschen wurden vom Dritten Reich befreit. Ich halte mich auch hier erneut an Weizsäckers Worte in der o.a. Rede: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Trotz Weizsäckers Worten und fortgeschrittener historischer Forschung ist der Begriff der „Befreiung“ auch heute weitgehend noch nicht akzeptiert.

Die Podiumsdiskussion ist am 10. Juni 2010 mit der Begründung abgesetzt worden, die Befürworter des Buches seien nicht bereit, auf dem Podium ihre Position zu vertreten. Der Vorsitzende ließ wissen, dass die öffentliche Diskussion des „Pro und Contra“ die Voraussetzung zur Entscheidung gewesen sei. Er betrachte die Angelegenheit damit als entschieden. Diese Nachricht bewahrt Wolfenbüttel und den Kulturstadtverein vor einer Blamage.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass in der Zeit, in der der Kulturstadtverein erste Schritte zur Veröffentlichung des Buches einleitete, ich mich um die Veröffentlichung meines Buches „Jüdische Familien in Wolfenbüttel“ bemühte. Die Zusammenarbeit mit dem von der Stadt Wolfenbüttel beauftragten Historiker musste ich beenden, da meine – vielleicht kann man sie teilweise auch als eine subjektive Arbeit bezeichnen - Arbeit zu einer äußerst engen „wissenschaftlichen“ Arbeit zerhackt werden sollte. Bürgermeister Pink verbot mir nach der Bereitstellung von € 4000,00 (letztendlich nur € 3000,00) für die (private) Veröffentlichung ohne weitere direkte Beteiligung der Stadt Wolfenbüttel mit der Androhung, die Geldmittel zurückzufordern: ..., dass in dem vorgenannten Werk bezüglich der Zuwendung weder der Name der Stadt Wolfenbüttel noch der Name des Bürgermeisters oder der Name einer Bediensteten oder eines Bediensteten der Stadt Wolfenbüttel erwähnt wird. Dies gilt für jedwede Form einer Erwähnung, insbesondere auch im Rahmen eines Vor- oder Nachwortes oder im Zusammenhang mit den Ausführungen zur Entstehungsgeschichte des Werkes oder in einer Danksagung des Verfassers. Herrn Kumlehn ist bekannt, dass die Stadt Wolfenbüttel die Erstattung der ihm gewährten Zuwendung verlangen kann, wenn auf eine Erwähnung im obigen Sinne nicht verzichtet wird. (Schreiben der Stadt Wolfenbüttel, 12.5.2009.) Die Diskussion um die von der Stadt Wolfenbüttel geforderten Wissenschaftlichkeit so einer Arbeit wurde um das Buch von Jürgen Herbst im Kulturstadtverein offenbar nicht geführt. Der Kulturstadtverein, der ja sicher meine Absicht der Veröffentlichung kannte, ist zwecks eventueller Hilfe an mich nicht herangetreten, obwohl gerade diese Erinnerungsarbeit seit der Vereinsgründung im Herbst 2003 eines der besonderen Ziele war – dokumentiert durch die Gründung der Projektgruppe „Jüdische Traditionen“. ( Vgl. Kulturstadt Wolfenbüttel E.V., Jahresbericht 2004, Dezember 2004, S. 3.)

Ortschroniken und sonstige Darstellungen

Die Stadt Wolfenbüttel hat seit der siebziger Jahre eine ganze Reihe von historischen Büchern veröffentlicht, von denen einige das Manko tragen, die Vernichtung der Jüdischen Gemeinde gar nicht oder nur sehr oberflächlich zu dokumentieren, in denen die Zeit des Dritten Reiches in gleicher ungenügender Weise bekundet wird. Der 1924 erschienene „Wegweiser durch die Stadt und ihre Umgebung“ (Vgl. Meyer-Rotermund, Kurt (Hg.), Wolfenbüttel. Ein Wegweiser nebst einem Anhang, Wolfenbüttel 1924.) enthält ganz selbstverständlich einige Hinweise auf die in Wolfenbüttel lebenden Juden. Die Veröffentlichung der von Hans Schulze in den sechziger Jahren erstellten Arbeit über die frühe Geschichte der Wolfenbütteler Juden hat die Stadt seinerzeit abgelehnt. Schulzes wichtige Arbeit erschien daher versteckt in zwei Jahresausgaben des Braunschweiger Jahrbuches.

1970
Es erscheinen die Beiträge zur Geschichte der Stadt Wolfenbüttel im „Selbstverlag der Stadt Wolfenbüttel“, herausgegeben vom Direktor des Staatsarchivs J. König. Die Zeit war offenbar noch nicht reif, die Geschichte des Dritten Reiches in Wolfenbüttel zu erwähnen, geschweige denn zu dokumentieren. Eine Ahnung der Jüdischen Gemeinde lässt ein kurzer Beitrag über die Schließung der Samsonschule zu. Wer sich jedoch intensiv über die Entwicklung des Gemüseanbaus nach dem Zweiten Weltkrieg informieren möchte, sollte dieses Buch zur Hand nehmen.

1976
Es erscheint die Autobiographie des langjährigen (30 Jahre seit 1945) Wolfenbütteler Kulturgestalters Heinz Grunow. Grunow, einst Autor des nationalsozialistisch ausgerichteten Kallmeyer-Verlages, lässt sein tatsächliches Mitmachen im Dritten Reich auch aus, dafür hetzt er lieber über die „Besatzer“ nach 1945 und scheint in dieser Zeit eher Täter als Opfer zu betrachten: Und die schäbigsten Subjekte rissen die Macht an sich, Kungler der übelsten Sorte, die das Vermögen der Inhaftierten an sich nahmen und verschleuderten. Wolfenbüttels Strafgefängnis war übervoll. Wer dort nicht umkam, wurde in die Lager von Westertinke bei Bremen oder Staumühle in der Senne bei Paderborn eingewiesen. (Vgl. Grunow, Heinz, Zwei Leben - Ein Herz, Wolfenbüttel 1976, S. 114 f.) 1951 ließ er im Rahmen der Kulturarbeit den ausgesprochenen nationalsozialistischen Dichter Heinz Steguweit auftreten. Für sein 1936 erschienenes Liederbuch „Wir tragen eine Fahne“, dass mehre Hitlergedichte enthält, schämte sich Grunow nach eigenem Bekunden auch 1976 nicht. In den privat verlegten Erinnerungen sehe ich Parallelen zum Buch von Jürgen Herbst. (Vgl. Grunow, Heinz, Zwei Leben - Ein Herz, Wolfenbüttel 1976, S. 75.)

1976
Etwa zur gleichen Zeit ehrte die Stadt Wolfenbüttel den Antisemiten Rudolf Huch mit einer Erinnerungsplakette am alten Eingang des Rathauses. Die Tafel wurde erst 1994 wieder abgenommen. (Vgl. Kumlehn, Jürgen, Jüdische Familien in Wolfenbüttel. Spuren und Schicksale, Braunschweig 2009, S. 91.)

1983
Es erscheint in der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Stadt Wolfenbüttel“ die „Geschichte des Dorfes Ahlum“. Diese Chronik ist ein beschämendes Beispiel für Geschichtsschreibung des Dritten Reiches. Ein ehemaliges Mitglied der NSDAP durfte darin seine Meinung über diese Zeit verbreiten, unter anderem: Die politischen Ereignisse des Jahres 1933 brachten mit Ausnahme des Wechsels des Vorstehers für Ahlum keine einschneidenden Änderungen, da es auch jetzt wieder wie in ähnlichen Fällen früher mit der Landbevölkerung eigenen Sachlichkeit an die Beurteilung der neuen politischen Lage heranging. Die Kritik an dieser unwissenschaftlichen Darstellung Ahlumer NS-Geschichte parierte der damalige Stadtdirektor Helmut Riban 1989 mit Worten, die ähnlich rechtfertigend auch zum Buch von Jürgen Herbst genannt werden: ... wir weisen jedoch darauf hin, daß es sich bei dem vorliegenden Werk nicht um ein wissenschaftliches Werk im engeren Sinne handelt, sondern um eine Dorfchronik mit sicherlich sehr subjektiven Einschlägen. Diese zu zensieren sehen wir uns nicht als berechtigt an. (Braunschweiger Zeitung, 11.1.1989.) Eine erschreckende Haltung: Subjektive (beschönigende) Erinnerungen eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds und aktiven Nazis sind in Wolfenbüttel 1989 eine ganz normale Angelegenheit?

1988
Es erscheint die Chronik „Geschichte des Dorfes Halchter“. Die Zeit des Dritten Reiches in Halchter, das schon früh zu einer Hochburg der NSDAP geworden war, wird kurz unter der Überschrift „Ergebnisse der Reichstagswahlen in Halchter“ abgehandelt. Der seinerzeitige Bürgermeister vertrat die Ansicht, es sei nicht Aufgabe einer Dorfchronik, den Nationalsozialismus zu dokumentieren.

1988
Es erscheint das Buch des Herausgebers Hans-Georg Reuter „Zur Stadtgeschichte Wolfenbüttels“. In diesem Buch wird das Dritte Reich über eine knappe Seite im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Wolfenbüttel und Goslar um die Ansiedlung des „Reichsnährstandes“, dem Bau der Reichsstraße 4 und des neuen Bahnhofes sowie von Splittergräben und Bunkern erwähnt.

1988
Es erscheint das Buch „Wolfenbüttel in Ansichten und Zeugnissen 1945 – 1986. Unter der Überschrift „Flüchtlinge und Vertriebene“ berichtet der Autor nicht über die aus der Stadt geflohenen jüdischen Wolfenbütteler, sondern über die in die Stadt aus den Ostgebieten geflohenen Schlesier (hauptsächlich). Der Verbleib der Juden war seinerzeit kein offiziell gehandeltes Thema. Eine makabre Fußnote der deutschen Geschichte: Anfang August 1958 besuchte Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer das Landeshuter Heimattreffen in der Stadt. Der frühere Volkstumsexperte Oberländer vertrat im Dritten Reich die nationalsozialistische Volkstumspolitik. Er musste wegen seiner Tätigkeiten in der Zeit 1960 von seinem Ministerposten zurücktreten.

1995
Es erscheint das Buch „Die Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1914 bis 1933“. Wer sich über das Werden des Wolfenbütteler Nationalsozialismus informieren möchte, kann das mit diesem Buch besonders in der „Chronologischen Übersicht“ gut erreichen. Zwischenzeitlich erscheinen weitere Ortschroniken, in denen der Nationalsozialismus in meistens akzeptabler Weise dargestellt oder angerissen wird, speziell in der Chronik des Dorfes Atzum.

2003
Nach vielen öffentlichen Diskussionen und der Forderung der wissenschaftlichen Darstellung des Dritten Reiches in Wolfenbüttel erscheint das Buch „Die Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1933 bis 1945“. Dieses Buch aus Verdrehungen, Oberflächlichkeit, Weglassen und Falschdarstellungen ist der letzte Höhepunkt beschönigender NS-„Aufarbeitung, dem nun nicht auch noch ein weiteres Buch, das von Herrn Herbst, folgen sollte. Natürlich enthält es auch akzeptable Inhalte. Dr. Dieter Lent, ehemaliger Oberarchivrat des Wolfenbütteler Staatsarchivs, schrieb in seiner Rezension unter anderem: Dieser Band liegt nun vor, ist jedoch eine große Enttäuschung, da der Verfasser dem schwierigen Thema nicht gewachsen war. Das ist ihm selbst wohl auch klar geworden, da er im Vorwort seine Ergebnisse ein-schränkend als „ersten Einstieg“ bzw. als „Beitrag zur Geschichte“ dieser Jahre bezeichnet. Im Buchtitel hätte das jedoch vernünftigerweise zwingend deutlich gemacht werden müssen. (...) Abgesehen von diesem zu viel versprechenden und damit irreführenden Haupttitel verunzieren den Band zahlreiche Mängel. Die Fehler- und Mängelliste ist frustrierend lang und betrifft sehr viele Details, die hier nicht einzeln erörtert werden können, aber auch die ganze Konzeption und Durchführung dieses für Wolfenbüttel wichtigen Forschungsprojektes. ( Vgl. Lent, Dieter, Rezension. In: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte 2004, S. 248 ff.)

Die folgende Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Versuch der Vollständigkeit würde viel mehr Raum einnehmen. Positiv zu vermerken sind jedoch Publikationen mit einer angemessenen Darstellung der Thematik:
Seeboth, Robert, Beiträge zur Geschichte der Wolfenbütteler Arbeiterbewegung, 1973.
Knauer, Wilfried, Nationalsozialistische Justiz und Todesstrafe, Hannover 1990.
Endeward/Maus/Schlüchtermann, Wolfenbüttel nach 1945, 1986.
Fünf Vorträge, Wolfenbüttel unter dem Hakenkreuz, Wolfenbüttel 2000.
Pinkert/Grote, Wolfenbüttel, Kulturstadt mit Flair, Wolfenbüttel 2006. u.a.

Anmerkungen zum Buch von Jürgen Herbst:
“Requiem for a German past - A boyhood among the Nazis”
Englischsprachige Erstausgabe: University of Wisconsin, USA, 1999.

Vorgeschichte in Wolfenbüttel

Der amerikanische „emeritus professor of history and education policy“, Jürgen Herbst, besuchte im Juli 2002 Wolfenbüttel. Herbst ist gebürtiger Wolfenbütteler, Jahrgang 1928. 1948 verließ er Wolfenbüttel. Er lebt seitdem – mit einer kurzen Unterbrechung – in den USA. Er stellte das 1999 erschienene Buch über seine Jugend, sein Elternhaus und über seinen Aufstieg zum (Hitler)-Jungvolkführer Bürgermeister Axel Gummert im Rathaus – und der Wolfenbütteler Öffentlichkeit - vor. Das „Wolfenbütteler Schaufenster“ und die Braunschweiger Zeitung berichteten darüber.

Der Verein „Kulturstadt Wolfenbüttel“ beabsichtig, die deutsche Übersetzung des Buches zu veröffentlichen. Im 2009 erschienenen Buch von Gabriele Drewes, „Adlige und bürgerliche Frauen in Wolfenbüttel“ schreibt der Vereinsvorsitzende, Prof. Christoph Helm, im Vorwort: Weitere Bände dieser Reihe des Kulturstadtvereins sind in Vorbereitung und werden folgen. Dabei handelt es sich einmal um die Lebenserinnerungen von Jürgen Herbst, Sohn des Wolfenbütteler Bibliothekrats Hermann Herbst, der seine Jugend im Wolfenbüttel der Weimarer Republik. (Jürgen Herbst war am Ende der Weimarer Republik erst fünf Jahre alt. Über seine Kindheit bis 1933 enthält das Buch kaum Hinweise – außer, dass er mit Spielzeug-Soldaten spielte. J.K.) und des Dritten Reiches beschreibt, sowie die Geschichte des Wolfenbütteler Hofkapellmeisters, die Carsten Niemann vorbereitet.

Meine Anmerkungen zu dem Buch sind zwar detailliert mit einigen exemplarischen Beispielen, aber sicher nicht ausführlich genug, um die Tendenz des Buches wirklich zu verstehen.

Pressestimmen

Braunschweiger Zeitung, 16. Juli 2002:
„Aus der Zeit verstehen“
(...)
Am Montag war der promovierte Historiker wieder in der Stadt, auf der Durchreise von einem Kongress in Paris nach Berlin, das er gemeinsam mit seiner Frau Sue seiner Tochter und seiner Enkelin zeigen will. Die Stadtverwaltung bereitete dem Mann, der in seinem Buch „Requiem for a german past - A Boy-hood among the nazis“ (Requiem für eine deutsche Vergangenheit - Eine Kindheit unter den Nazis) auch Stadtgeschichte aus dem Dritten Reich erzählt hat, einen herzlichen Empfang.
Historiker Frank Beier, der im Auftrag der Stadt die Zeit zwischen 1933 und 1945 aufarbeitet, nannte das Buch „einen besonders wertvollen Beitrag“ zu seiner Arbeit. Er habe zwar offizielle Quellen - beispielsweise aus dem Staatsarchiv - auswerten können, „die persönliche Erinnerung, so wie wir sie hier lesen, fehlt aber noch“, so Beier.
Herbst, dessen Vater Bibliotheksrat in der Herzog-August-Bibliothek und Reserveoffizier aus dem Ersten Weltkrieg war, beschreibt seinen Weg ausgehend von einem Elternhaus zwischen preußischer Tradition und lutherischem Christentum. Die militärische Grundhaltung des Vaters prägte ihn. Herbst kam an die Spitze des Jungvolks.
Der Autor beschäftigt sich auf den rund 240 Seiten mit dem Alltag in der Stadt, mit Freundschaften, die sich vielfach in den von Nationalsozialisten gelenkten Bereichen abspielten, dem schulischen Geschehen, einer von der engen Bindung zur Mutter geprägten Familiengeschichte und dem Tod des Vaters im Jahr 1944 in Jugoslawien.
Herbst hat die niedergeschriebenen Antworten auf offene Fragen zu dieser Zeit seinen Kindern gewidmet, für die er sein Buch geschrieben hat. Sie sollen aus der damaligen Zeit heraus, die Kindheit und Jugend in der NS-Zeit nachvollziehen können.
(...)

Das „Wolfenbütteler Schaufenster“ schrieb am 18. Juli 2002 u.a.:
Nach dem Einmarsch der Alliierten erlebte er mit Erstaunen eine andere Welt, ganz andere Ansichten habe er erfahren müssen. Nach Schulabschluss studierte Herbst Geographie, setzte sein Studium in Amerika fort, heiratete dort eine Amerikanerin, lebte einige Zeit in Hannover, um dann wieder und nun endgültig in Amerika zu bleiben und zu arbeiten. Bereits in den 1950er Jahren begann er mit den Aufzeichnungen zu seinem Buch, „damit möglichst wenig verloren ging“. Damals, sagte er, sprach man in Amerika kein Deutsch, heute gäbe es viele Treffen mit deutscher Sprache. Jürgen Herbst mag Wolfenbüttel immer noch. „Das Buch soll übersetzt werden“, legte sich der Wolfenbütteler Bürgermeister fest.

Zur vorgeschlagenen „Übersetzung“ berichtete die BZ am 17. Juli 2002:
Während des Empfanges des heute in Durango lebenden Herbsts im Wolfenbütteler Rathaus hatte Bürgermeister Axel Gummert betont, das Buch müsse in der deutschen Übersetzung den Schulen zur Verfügung stehen. Das Zeitdokument sei wegen der intensiven persönlichen Betrachtung des Geschehens in Wolfenbüttel von großer Bedeutung für den Unterricht. Die Stadt will nun, so das Ergebnis der Gespräche zwischen Gummert und Herbst, nach einem Übersetzer suchen und überlegen, wie das Buch möglichst zügig auf den deutschen Markt gebracht werden kann. Jürgen Herbst hat zugesagt, die einzelnen Kapitel nach der Übersetzung noch einmal zu überarbeiten.
Catharina Lincoln aus Hornburg hat schon einige Passagen übersetzt. Sie bezeichnete „Requiem for a german past“ als ein Werk, das den Leser „direkt in das Herz eines jungen Mannes dieser Zeit“ führe“.


Bereits im Januar 2000 hatte Lore Schönberg das Buch in der Braunschweiger Zeitung (15. Januar 2000) besprochen:

Jürgen Herbst schildert in seinem Buch seine Kindheitserlebnisse in Wolfenbüttel
Zeitdokument als Mahnung und Ermutigung

WOLFENBÜTTEL (LBS) Ein typisches Bild aus dem Jahr 1934: Ein kleiner Junge in kurzen Hosen, aber mit tadellosem Hemd und Krawatte steht im Park am Harztorwall, auf dem Rücken der Tornister, eine Butterbrottasche umgehängt, im Arm eine riesige Schultüte und auf dem Kopf die Schülermütze - stolzes Zeichen für ein frisch gebackenes Schulkind. Der Junge heißt Jürgen Herbst und wagt die ersten Schritte heraus aus einem behüteten Elternhaus, dessen Haltung und Einstellung von preußischer Tradition und lutherischem Christentum geprägt ist.
In einem im Herbst 1999 bei der University of Wisconsin Press erschienenen Buch mit dem Titel „Requiem for a German Fast - A boyhood among the Nazis" hat der 1948 von Wolfenbüttel in die USA ausgewanderte Jürgen Herbst einen bewegenden biographischen Bericht über seine Kinder- und Jugendjahre vorgelegt.
Das Leitbild des Vaters, der als Bibliotheksrat an der Herzog-August-Bibliothek tätig war, wirkt auf den einzigen Sohn weniger stark durch die wissenschaftliche Seite als durch die militärische Komponente, die dem Reserveoffizier aus dem I. Weltkrieg zu eigen ist. Der Wunsch, die Offizierslaufbahn einzuschlagen, ist für Jürgen Herbst von Kindheit an bestimmend und erweist sich später auch in der Art, wie er seine Führungsposition in der Hitlerjugend ausfüllt.
Mit akribischer Genauigkeit schildert der Autor das Leben in der kleinen Stadt, Schulfreuden und Nöte als Schüler der Großen Schule, Freundschaften und erste Liebe. Daneben scheinen aber schon früh erste Konflikte, unbeantwortete Fragen auf: Warum reagiert der Vater unerwartet heftig, als der Sohn den Wunsch äußert, sich der SS anzuschließen? Warum brennt am 9. November 1938 die Synagoge? Was ist aus den jüdischen Bewohnern geworden? Noch ist der Autor zu jung, um klare Position beziehen zu können, und aus der Umgebung von Schule und Elternhaus kommen keine eindeutigen Antworten.
Einschneidende Erlebnisse bringt der Krieg: Der Vater muss ins Feld, der Sohn wird 1943 von der Hitlerjugend zu einem „Osteinsatz“ in Polen abkommandiert, der ihm die Augen für das öffnet, was die angebliche „Befreiung“ der Menschen vom Stalinregime bedeutet. „Weißt du nun, warum ich traurig und wütend bin? Weil wir ihnen (den Polen) nun dasselbe antun.“ Diesen bedeutsamen Satz äußert der Vater bei einem kurzen persönlichen Zusammentreffen mit Jürgen - es ist das letzte Mal, dass sie sich sehen. Im August 1944 stirbt der Vater in Jugoslawien. Die letzten Kapitel des Buches schildern die wachsende Not während des Krie-ges, Hunger und Bomben, aber auch das immer engere Band, das den Autor mit seiner nun alleinstehenden Mutter und den Freunden verbindet. Pflichterfüllung, Treue und Ehrenhaftigkeit bleiben seine Ideale auch dann, als er, vorzeitig aus der Schule entlassen, im Arbeitsdienst und kurz vor Kriegsende noch als Soldat seinen Mann steht. Erst nach seiner Entlas-sung aus kurzer Gefangenschaft, als ihm in den Nachkriegsjahren die Mutter nach langer Krankheit genommen wird, zieht er einen Schluss-Strich unter die Vergangenheit und ergreift die ihm gebotene Gelegenheit, in den USA ein eigenes Leben aufzubauen. Das Buch des Jürgen Herbst ist eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 20. Jahrhunderts, mit dem eigenen Ich und den Einflüssen, die dieses Ich geprägt haben. Ein Zeitdokument, das für die nachwachsende Generation eine Mahnung, aber auch eine Ermutigung darstellen kann.


Lore Schönberg schrieb diese Rezension ohne Kenntnis der Schicksale jüdischer Wolfenbütteler Familien und ohne Wissen über die Wolfenbütteler Verhältnisse im Dritten Reich. Nach einer Buchbesprechung im damaligen Arbeitskreis „Jüdische Traditionen“ des Kulturstadtvereins war sie über die in dem Buch offenen und verborgenen Tendenzen mit einer positiven Bewertung nicht mehr einverstanden.

Kindheits- und Jugenderinnerungen?

In erster Linie enthält das Buch persönliche Erinnerungen. Inhalte dieser Art sind subjektiv, dass sie eigentlich nicht kritisiert werden können. Herbsts Erinnerungen sind jedoch konkret und bewusst mit Stadt- und Landesgeschichte verbunden, dass ein kritischer Blick darauf notwendig ist - zumal es sich um das Dritte Reich handelt und nicht zuletzt, weil der Autor, der zugibt, nicht recherchiert zu haben, Historiker ist. Diese Bewertung ist insbesondere deswegen erforderlich, weil es zur NS-Geschichte Wolfenbüttels nur unvollständige Dokumentationen gibt.

Die Begutachtung von Darstellungen der nationalsozialistischen Vergangenheit hat sich in den Jahrzehnten seit der Befreiung 1945 erheblich gewandelt: Einerseits wird die Bewertung durch neue (wissenschaftliche) Erkenntnisse beeinflusst – auch durch die späten Erinnerungen von Zeitzeugen, andererseits entstehen immer öfter beschönigende Darstellungen. (Beschönigende Darstellungen der DDR-Geschichte – wie z.B. die Diskussion über die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war -, führen gerechterweise zu sofortigen Richtigstellungen oder Protesten. Beschönigende Darstellungen der NS-Zeit dagegen führen kaum zu Konsequenzen.) Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte scheinen an Herbst vorbeigegangen zu sein. Seine Darstellung scheint auf dem Stand der fünfziger oder sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgeblieben zu sein. Es wird deutlich, dass seine geschichtliche Erfahrung eingeschränkt ist.

Die oben zitierten Aussagen von Dr. Lent zum Buch von Frank Beier können auch für das Buch von Jürgen Herbst gelten, der zwar in seinem Vorwort betont, es handele sich hier nicht um eine auf Forschungen und Dokumenten beruhende wissenschaftliche Arbeit, sondern um Memoiren, die ich so darzustellen versucht habe, wie ich sie damals erlebt habe. Eine Beschreibung der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland muß nicht wissenschaftlich sein, es gibt eine Vielzahl von guten Publikationen ohne wissenschaftlichen Anspruch. Die Darstellung geschichtlicher Ereignisse in Memoiren, nicht in Romanen - in Verbindung mit nicht stimmigen Kindheitserinnerungen muss, wenn nicht direkt im Text, dann aber mindestens an anderer Stelle, z.B. in einer Fußnote, wahrheitsgemäß erläutert werden. Das unterlässt Herbst, was aus meiner Sicht doppelt schwer wiegt, da er Historiker ist. Ganz unverständlich wird hier seine Vorwort-Aussage zur deutschen Ausgabe 2007: Und so begann ich zu schreiben und war mir voll bewußt, daß ich meine Zwecke nur durch kompromisslose Wahrhaftigkeit erreichen könnte. Die massierte Darbietung fragwürdiger Erfahrungen und Ereignisse des jungen Herbst macht das ganze Werk, das durchaus wichtige Informationen zur Wolfenbütteler Geschichte enthält, letztlich unglaubwürdig.

Der gesamte Text ist aus mehreren Gründen problematisch: Obwohl Herbst in seinem Vorwort der Originalausgabe betont, er habe zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, eine apologia pro vita mea (Rechtfertigung für meinen Lebenslauf) zu verfassen, hat er genau das getan. Er habe, so betont er, das Buch für seine Kinder geschrieben. Tatsächlich hinterlässt das Buch den Eindruck, für amerikanische Leser geschrieben worden zu sein, die nicht in der Lage sind, die Behauptungen seiner angeblichen NS-Opposition und die falsch beschriebenen Ereignisse zu hinterfragen.

In der „Washington Post“ rezensierte Wayne Hoffman u.a.:
Herbst illustrates how easy it was for a German boy without strong conviction or religious hatred to climb into a position of leadership in the Nazi Jungvolk . . . indeed, how difficult it would have been for him not to end up in such a place. . . . A unique perspective on everyday life in extreme circumstances.

Ankündigung einer Lesung (Nov. 1999), wahrscheinlich in Durango:
Jurgen Herbst will read from Requiem for a German Past: A Boyhood Among the Nazis on Friday, Nov. 12, at 3:30 p.m. in the Pyle Center, 702 Langdon St. Information: Susan Jevens, 224-3891. (…) But after he had joined the National Socialist Jungvolk in 1938, Jurgen Herbst began to realize that something was profoundly wrong in that organization, and, in fact, everywhere in Nazi Germany.
Nevertheless, Herbst remained in the Jungvolk, and later was drafted into the German army. Herbst's family initially saw value in the Nazis' co-opting Siegfried, Goethe and Wagner in the devastating aftermath of World War I. Of course, the Nazis went far and fatally beyond those heroic ideals. But at first, the sinister nature of the regime was not obvious.
"I changed my mind about them step by little step," says Herbst, professor emeritus of history and educational policy at UW-Madison. "First you sense something might be wrong, then you don't want to believe it. Then comes the time when you finally have to believe it. (Quelle: http://www.news.wisc.edu/3286.)


Der Satz But at first, the sinister nature of the regime was not obvious. macht den Kenntnisstand der o.g. Susan Jevens deutlich: Am Beginn sei der böse Charakter des NS-Regimes nicht erkennbar gewesen.(?) Aufgrund meiner Erfahrung mit der NS-Geschichte in Deutschland und nicht zuletzt im Freistaat Braunschweig, also auch in Wolfenbüttel, war schon lange vor der Machtübergabe an Hitler klar, welche schlimmen Konsequenzen ein solches Regime für die den Nazis nicht genehmen Menschen haben wird. Man schaue sich nur die kurz nach der „Machtergreifung“ begonnenen diktatorisch-mörderischen Maßnahmen an - vom „Ermächtigungsgesetz“ über das Parteienverbot zum Boykott der Geschäfte jüdischer Geschäftsinhaber hin zu den Morden an drei Wolfenbütteler Kommunisten und der Flucht vieler Deutscher ins Ausland während der ersten Monate des Jahres 1933. Die Wucht der bis zur Jahresmitte 1933 eingeführten Diktatur soll nicht erkennbar gewesen sein? War der gewaltsame Boykott der Geschäfte und Praxen jüdischer Inhaber am 1. April 1933, also nur acht Wochen nach der Regierungsübernahme Hitlers, nicht böse – und nicht erkennbar?
Susan Jevens wird diesen Satz sicher nicht ohne Rücksprache mit Herbst geschrieben haben. Diese beschönigenden Worte reflektieren viele Stellen in dem Buch!

Das Buch könnte ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Entwicklungen in Wolfenbüttel sein, wenn die unglaubwürdigen Inhalte nicht die glaubwürdigen Textstellen, die es ja durchaus enthält, überdecken würde.
Für die Wolfenbütteler Geschichtsschreibung ist dieses Buch ungeeignet, erst recht, wenn es der Kulturstadtverein veröffentlicht, da es auf korrekte Ereignisbeschreibungen der NS-Zeit kontraproduktiv wirken würde. Dieses Buch Schülerinnen und Schülern vorzulegen wäre – vielleicht ist das polemisch – ähnlich, wenn man Schülerinnen und Schülern in den neuen Bundesländern zur Geschichte der DDR das Buch eines DDR-Nostalgikers überreichen würde. Ist es Zufall, dass seit Monaten immer noch ernsthaft die Frage diskutiert wird, ob die DDR ein Unrechtsstaat war?

Herbst beschreibt seinen ehrgeizigen und gewollten Aufstieg zum obersten Wolfenbütteler Jungvolkführer als Oppositionshaltung zur NSDAP und als väterliches Gluckenverhalten zum Schutz (vor den Nazis!!) der ihm anvertrauten Jungen. Als Zehn- bis Fünfzehnjähriger, so behauptet es der erwachsene Herbst, gelangen ihm bereits Einsichten, zu denen heutzutage manch Erwachsener nicht in der Lage ist: Was mich betrifft, so blieben die Traditionen der deutschen Armee und des lutherischen Glaubens beinahe bis zum Ende des Krieges meine Leitsterne. Der zuverlässige Soldat, der einem verbrecherischen Hochstapler nicht die Treue opfern kann, die er seinem Volk und seinem Gott geschworen hatte, blieb das Vorbild des Jungsoldaten, der bis zum letzten Tag des Krieges kämpfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bewahrte Erinnerungen – hochtrabender preußischer Tyrannnen-Widerstandsphilosophie - eines unter der NS-Propaganda lebenden Jugendlichen sind. Erwachsenenworte aus großer Distanz?
An dieser Stelle sollte man im Buch von Günter Grass, „Beim Häuten der Zwiebel“ lesen. Grass schreibt auf Seite 134 im Zusammenhang mit seiner späten Waffen-SS-Mitgliedschaft: Wurde dem Siebzehnjährigen der Anfang vom Ende, was später „der Zusammenbruch“ genannt wurde, in seinem Gefälle und Ausmaß bewußt? Oder auf Seite 27 sein Eintritt in das Jungvolk, und weitere Seiten zur ähnlichen Thematik.

Das Vorbild für Herbsts Laufbahn und seinem Ziel, Berufssoldat in der NS-Wehrmacht zu werden, ist sein alten preußischen Militärtraditionen in gewollter (angeblicher) Distanz zu den Nazis folgender Vater, der als Offizier seine Soldaten - seine Männer und Jungen – als väterlich besorgter (deutscher) Offizier an der Front umsorgt und dabei schließlich „fällt“. Dieses Idealbild eines deutsch-preußischen Offiziers ist ein Klischee, das in unkritischen Beschreibungen des „deutschen Soldatentums“ immer wieder auftaucht und vollkommen unglaubwürdig ist. Wenn diese Offiziere so besorgt um ihre Männer waren, warum haben sie sie dann in den Tod geschickt? Gerade bin ich von einem Besuch der Insel Borkum zurückgekehrt. Mitten in den Dünen fand ich ein pompöses Denkmal für einen preußischen General des Ersten Weltkrieges. In einem Schaukasten hing ein Text, dem ich u.a. diese Worte entnahm: Durch seine gerade, vornehme echt vorbildliche Natur, durch sein unbegrenztes Wohlwollen für alle seine Untergebenen und durch sein schlichtes und liebenswürdiges Wesen, welches er gegen alle die zur Schau trug, welche die Ehre hatten, mit ihm in persönlicher Berührung zu treten. Herbst bezieht sich auch auf Walter Flex und sein nationalistisches Werk „Wanderer zwischen zwei Welten“. Darüber unten mehr. Flex’ Bruder Konrad schrieb 1937 über seinen im Ersten Weltkrieg „gefallenen“ Bruder in seinem Buch „Walter Flex. Ein Lebensbild“, S. 141: Und sein Leben als Vorgesetzter! Es ist nicht zu viel gesagt, er war ein vorbildlicher Kompanieführer, streng und gerecht im Dienst, sonst ein Vater seiner Soldaten, und von ihnen geliebt und verehrt, weil er ihr Menschentum verstand und ehrte.

Das Buch hat aus meiner Sicht mehrere Leitlinien:
1. Jürgen Herbsts selbst gewollter Aufstieg zum hohen Wolfenbütteler Jungvolkführer mit dem Ziel, diese Karriere als Grundlage für sein zweites Ziel zu nutzen: Wehrmachtsoffizier.
2. Parallel dazu die Wehrmachtskarriere und Kriegsteilnahme seines Vaters mit der Absicht, nach dem „Endsieg“ für Menschlichkeit im NS-Staat zu sorgen.
3. Die an der Heimatfront verbliebene Mutter in Sorge um Ehemann, Sohn und Vaterland.

Ein Familientrio kämpft für das Vaterland, für Ehre, preußische Humanität und von Luther beeinflusste Ethik. Daneben die bösen Deutschen, die die Nazis darstellen, mit denen man nichts zu tun hat und die man angeblich kritisiert. (Eines der Hauptargumente der ins NS-Mitmachen verstrickten Deutschen ist die Aussage, es sei zu gefährlich gewesen, nicht mitgemacht zu haben. Herbsts Buch, wäre es nicht so unglaubwürdig, könnte fast das konkrete Gegenargument sein: Die Familie Herbst hat nicht mitgemacht, sogar kritisiert – und ist unbehelligt geblieben.) Herbst zum Anliegen seines Buches: Einmal lag es mir daran mich selbst von dem Erlebten zu befreien; Erlebtes das wohl jedem deutsch-geborenen Mann und jeder deutsch-geborenen Frau meiner Generation die Frage aufwirft: Bin ich mitschuldig an dem unsagbaren Gräuel, das meine Landsmannen begangen haben? Eine deutliche Antwort darauf vermeidet er.

Die erfundene jüdische Familie „Morgenstern und ihr Sohn Albert“
(Die hier zitierten Texte stammen aus der deutschen Übersetzung, in der Herbst - wie in der englischsprachigen Originalausgabe - die Familie nicht mehr Morgenstern, sondern Pohly nennt. Auch „Albert“ existiert in der deutschen Übersetzung nicht mehr. Darüber unten mehr.)

Die englischsprachigen Ausgabe enthält eine Beschreibung des Schicksals der jüdischen Wolfenbütteler Familie Morgenstern in der Pogromnacht im November 1938 und danach. Herbst beschreibt, wie er als Zehnjähriger von der Deportation der Familie in der Pogromnacht 1938 - er benutzt den Nazizeit-Begriff „Kristallnacht“ - erfuhr. Herbst kommt auf dem Weg zur Schule an einem Geschäft mit zerschlagener Schaufensterscheibe vorbei. (Diese Darstellung auf Seite 47/48 kann ich nicht nachvollziehen. Mir ist nicht bekannt, dass eine Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäftsinhabers zerstört worden ist; es gab ja gar keine Ladengeschäfte mehr, die jüdische Wolfenbütteler betrieben. Eine zerstörte Schaufensterscheibe ist allerdings dokumentiert, die des Galanteriewarenhändlers Walter Hirsch in der Langen Herzogstraße 1. Hirsch war kein Jude, hatte sich aber kritisch zum Novemberpogrom geäußert. Das führte dazu, dass ein Fischhändler ihm am 16. November 1938 eine Scheibe zerschmiss. Hirsch wurde zeitweilig in Schutzhaft genommen. Hirschs Geschäft bestand laut Adressbuch auch noch 1947. Es fällt auf, dass Herbst den Namen des Inhabers des Geschäfts nicht nennt. Erinnert er ihn nicht mehr? Wenn doch, könnte man die Richtigkeit seiner Darstellung überprüfen. Da Herbst von Schuhen in dem zerstörten Schaufenster berichtet, könnte man annehmen, dass es das Schuhgeschäft von Berthold Moses gewesen sein könnte, das einzige Schuhgeschäft in Wolfenbüttel mit einem jüdischen Inhaber. Doch auch das passt nicht: Die Familie Moses ist am 19. August 1938 in die USA geflüchtet.)

In der Schule wird über die zerstörte Synagoge und über den Überfall auf die erfundene Familie Morgenstern, die Herbst nun in der deutschen Übersetzung „Pohly“ nennt, gesprochen: Als die Glocke unsere fünfzehnminütige Frühstückspause eingeläutet hatte, ging ich hinaus auf den Schulhof und sah dort eine Gruppe von Sextanern in einer Ecke zusammenstehen; sie drängten sich um einen ihrer Klassenkameraden, der mit aufgeregten Gesten über etwas berichtete. Ein Quintaner wie ich ließ sich normalerweise nicht dazu herab, sich einer Gruppe von Sextanern anzuschließen und zuzuhören, was diese kleinen Jungen zu erzählen hatten. Aber was auch immer es war – das, was sie dermaßen faszinierte, war so offensichtlich ungewöhnlich, dass ich nicht widerstehen konnte. Ich ging zu der Gruppe hinüber und spitzte die Ohren.
„Und dann gab es da so ein wahnsinnig lautes Geräusch im Treppenhaus, und plötzlich sah ich einen Stuhl und dann einen Tisch und dann wieder einen Stuhl auf den Bürgersteig herunterfallen, und Männer in braunen Uniformen warfen Papiere auf die Straße hinunter, und dann kam ein Haufen Polizisten, die Herrn Pohly in einen Lastwagen schoben und mit ihm wegfuhren; und der Wind blies die Papiere über die ganze Straße, und überall waren Glas- und Porzellanscherben …“ Der Junge war so durcheinander und aufgeregt, dass ihm die Stimme versagte, und nun packten ihn die anderen Sextaner am Arm und wollten mehr wissen.
„Was ist noch passiert?“, fragten sie.
Ich ging wieder weg, die Worte des Jungen über zerbrochenes Glas und Porzellan noch im Ohr. Auch ich hatte am Morgen auf meinem Schulweg zerbrochenes Glas und auf dem Gelände der Synagoge zerbrochenes Porzellan gesehen. Hatte das alles etwas miteinander zu tun?
Ich fragte einen älteren Schüler aus der Tertia, der auch herübergekommen war um zuzuhören, was eigentlich los sei. Er sagte, dass derjenige, der die Geschichte erzählt hatte, im Erdgeschoss eines der großen Wohnhäuser in der Bahnhofstraße wohne. Er hatte von seinem Schlafzimmerfenster aus beobachtet, wie Herr Pohly, der Blumenhändler aus der dritten Etage, in der Nacht von der Polizei abgeholt und all sein Mobiliar und seine Habseligkeiten auf die Straße hinab geworfen worden seien. Am Morgen war das Hausmädchen der Pohlys von einem Polizisten herbeigebracht worden, um die Scherben und Trümmer von der Treppe wegzuräumen. Dann läutete die Schulglocke, und ich musste in meine Klasse zurück.

(...)
Zu Hause fragt ihn seine Mutter …: Aber an jenem düsteren Novembertag folgte ich nach dem Weggang meines Vaters meiner Mutter in die Küche, wo ich ihr wie an jedem Mittag beim Abwasch helfen sollte. Als meine Mutter sich über die dampfenden Spülschüsseln beugte – die eine gefüllt mit heißem Seifenwasser zum Reinigen, die andere mit klarem heißen Wasser zum Nachspülen – und ich mit dem Geschirrtuch hinter ihr stand, wartete ich auf die lang ersehnte Frage: „Was gab es heute Neues in der Schule, Jürgen?“ Endlich fragte sie mich.
Es war, als sei ein Damm gebrochen, und die Worte kamen wie ein Sturzbach aus mir heraus. Ich beschrieb meinen Schulweg am Morgen, das zerbrochene Schaufenster in der Langen Herzogstraße mit dem halben Ziegelstein inmitten der Schuhe, die ausgebrannte Synagoge und das Motorrad von der SS, die sonderbaren Bemerkungen über Maßarbeit und über Feuer, für die niemand die Feuerwehr rufen würde, und die Geschichte von dem Sextaner über Herrn Pohly aus der Bahnhofstraße. Während ich darüber sprach, wurde ich immer aufgeregter. Es war ein so unglaublicher Vormittag gewesen. Ich hatte so unbegreifliche Dinge gehört. Meine Wangen glühten, ich spürte, wie meine Ohren brannten. Wie hatte das alles passieren können, und was in aller Welt hatte es zu bedeuten?
Meine Mutter, die immer noch mit dem Rücken zu mir stand und die Arme in das heiße, seifige Wasser getaucht hatte, richtete sich plötzlich von ihren Spülschüsseln gerade auf. Sie drehte sich langsam um und schaute mir ins Gesicht; ihre Arme hingen nun an den Seiten herab, Wasser und Seifenlauge tropften von ihnen herunter und bildeten Pfützen auf dem gefliesten Küchenboden. Und dann sagte sie: „Weißt du, Jürgen, wenn du als kleiner jüdischer Junge auf die Welt gekommen wärst, dann wäre dein Vater letzte Nacht die Treppe herunter gestoßen worden, und alle deine Spielsachen und Bücher wären auf die Straße geworfen worden. All das wäre dir in der letzten Nacht passiert.“ Dann wandte sie sich um, ergriff die Schüssel mit der Seifenlauge, goss diese in den Ausguss in einer Ecke der Küche und sagte, ich könne gehen und meine Hausaufgaben machen.
Ich war benommen. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich konnte das Bild nicht mehr aus meinem Kopf heraus bekommen – das Bild, wie mein Vater die Treppe herunter gestoßen wurde. Den ganzen Tag über ließ es mich nicht mehr los, nachdem ich mich in mein Zimmer zurückgezogen hatte, um die Hausaufgaben zu erledigen. Ich versuchte, einige Kapitel in meinem Buch mit den deutschen Sagen zu lesen, die Geschichten von Siegfried und Hagen, von Kriemhild und Brunhild, den Nibelungen und ihrem sagenhaften Schatz. Aber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren. Das Bild kam immer und immer wieder zurück.
Es sollte auch in den folgenden Monaten und Jahren immer wiederkehren. Es sollte unerwartet und unangekündigt wiederkommen. Es sollte mich nachts wach halten, wenn ich in meinem Bett lag, und es sollte vor mir aufstehen, wenn ich bei Jungvolk-Treffen oder im Unterricht von Herrn Fuchtel mehr über die „jüdische Gefahr“ hörte und darüber, was es bedeutete, als Deutscher in einer Welt zu leben, die „von den Juden beherrscht“ wurde. Es wurde mir sehr klar, dass das, was da passiert war und was ich gesehen hatte, etwas mit Juden und Deutschen zu tun hatte. Aber was genau machte die Juden für uns Deutsche eigentlich so hassenswert? Ich konnte es nicht herausfinden.
Meine Mutter war die Erste, die wenigstens einige von meinen Fragen beantwortete. Als ich sie einen Tag, nachdem ich die Synagoge hatte brennen sehen, danach fragte, weshalb Herr Pohly weggebracht worden war, sagte sie, es liege daran, dass sie Juden seien. Ich dachte viel darüber nach. Mein Vater, meine Mutter und ich waren Deutsche. Die Pohlys waren Juden. Der Professor und seine Frau, die uns drei Wochen, bevor die Synagoge niederbrannte, besucht hatten, waren Amerikaner. Andere Leute waren Japaner, Engländer, Franzosen. Aber die Pohlys waren Juden, und meine Eltern und ich waren Deutsche. Darin, was du warst, Jude oder Deutscher, bestand der ganze Unterschied. So einfach war das. War es das wirklich? Ich wusste sehr gut, dass meine Eltern es sich nicht ausgesucht hatten, keine Juden zu sein und dass ich keinen Verdienst daran hatte, als Deutscher
(Auch die Pohlys waren Deutsche. Alle jüdischen Wolfenbütteler, mit Ausnahme der „staatenlosen Familie Berger“, waren Deutsche und meistens schon alteingesessen. Antisemiten bezeichneten die Juden als Nichtdeutsche, die auch niemals Deutsche werden konnten, weil sie eben Juden waren. J.K.) geboren worden zu sein. Hatten die Pohlys es sich ausgesucht, Juden zu sein? Verdienten sie es, dafür bestraft zu werden, dass sie waren, was sie waren? Weshalb erwartete man von mir, dass ich dieser Bestrafung Beifall spendete? Meine Mutter schien nicht der Meinung zu sein, dass ich das tun sollte.

Das Schicksal der von ihm erfundenen Familie Morgenstern benutzt Herbst immer wieder zu Reflektionen über die Judenverfolgung und über seine eigene Zerrissenheit zwischen Mitmenschlichkeit und seiner Zugehörigkeit zum hitlerschen Jungvolk. Während eines Aufenthaltes in einem Hitlerjugendlager in Polen, auf das unten noch eingegangen wird, sah Herbst 1943 Gefangene eines Konzentrationslagers beim Abbau von Kohle in einem Tagebau bei Cieszyn. Als er erfuhr, dass es sich um Juden handelte, mußte er an Albert Morgenstern denken: Ob er und seine Eltern vielleicht in diesem Tagebau arbeiteten?: Aber es war noch nicht der letzte und nicht der einprägsamste Blick in den Abgrund, den wir an diesem Tag taten. Jener Blick kam fast wie ein Nachschlag, war nicht geplant und von Herrn Beutler sicherlich nicht erwünscht. Er tat sich auf, als wir uns auf dem Weg aus dem Gelände heraus befanden und sich uns die Sicht auf einen riesigen Übertageabbau eröffnete. Wir schauten in ein gewaltiges Loch hinunter, das in die Erde hineingegraben worden war; darin schoben Dutzende von grau gekleideten Männern und Frauen, die alle einen gelben Stoffstreifen auf ihrem Rücken trugen, kleine Karren voller schwarzer Kohle gewundene Schienen entlang, die aus dem Loch zum Werk führten. Die sich unaufhaltsam und langsam fortbewegende Prozession, die sich am Rande der Grube zu Tal und zu Berg schlängelte, hier von rechts nach links, dort von links nach rechts, sah aus wie ein riesiger Ameisenhaufen mit kohlebestäubten Insekten, die hin- und herrannten. Unten am Boden waren andere „Ameisen“ bei der Arbeit; sie kratzten und schabten mit Spitzhacken und Schaufeln, um die Kohle zu lösen und sie auf Karren zu werfen.
Wir fragten Herrn Beutler, wer diese Leute seien, und er erklärte uns, es handele sich um Juden aus dem Konzentrationslager, die dabei „hülfen“, die Fabrik in Gang zu halten. Wir sagten in diesem Moment nur wenig, aber ich konnte nicht anders, als mich fragen: Ist Herr Pohly auch dabei?

Im englischsprachigen Original heißt es: Would Albert Morgenstern or his parents be among them? (Ist Albert Morgenstern - oder sind seine Eltern unter ihnen?)
(…)
Ich hatte in einer Welt gelebt, in der es bis zu jenem Tag im Führersaal der Hitlerjugendschule alle diese Bilder und Stimmen irgendwie geschafft hatten, nebeneinander zu existieren. Gewiss, es hatte Fragen und Unsicherheiten gegeben. So hatte ich mich an Herrn Pohly erinnert, der mitten in der Nacht aus seinem Betten gerissen und in einem Polizeiwagen weggebracht worden war; ich war Zeuge des Lagers in Birkental geworden; ich hatte mich in Cieszyn gefragt, ob sich unter denen, die ich dort leiden sah, auch Herr Pohly befand; ich war im Nebel dem kleinen Mann mit seinem gelben Stern (Laut Herbst ist die Familie „Morgenstern“, nun Pohly, in der Pogromnacht endgültig deportiert worden. Wie er dann Herrn Pohly/Morgenstern im Nebel mit seinem gelben Stern begegnet sein kann, ist mir ein Rätsel. Die Pflicht für alle Juden, den gelben „Judenstern“ zu tragen, galt ab 19.9.1941. J.K.) begegnet; und ich hatte Etzels Geschichte angehört und war zu ewiger Verschwiegenheit verpflichtet worden.

Der englische Originaltext:
I had lived in a world in which, until that day in the leader's dining room at the Hitler Youth school, all these pictures and voices had somehow managed to coexist together. Yes, there had been questions and uncertainty. I had remembered Albert Morgenstern and his parents who were torn out of bed at night and had been carted off in a police van; I had witnessed the Birkental camp; I had wondered at Cieszyn whether Albert was among those whom I saw suffering there. (Herbst sah die Juden im Tagebau im Sommer 1943. Nach Herbsts Angaben muss Albert Morgenstern während seines Aufenthaltes in Polen 9 Jahre alt gewesen sein. J.K.)

Nach Herbsts Besuch in Wolfenbüttel erwarb ich das Buch. Als ich das Kapitel „Kristallnacht“ las und von der Familie Morgenstern erfuhr, dachte ich – selbst gerade beim Ordnen von Recherchen und beim Schreiben meiner Arbeit über das Schicksal jüdischer Wolfenbütteler Familien -, ich hätte diese Familie, die Familie Morgenstern, übersehen. Bei der ersten Durchsicht von Listen aus der NS-Zeit und vor allem in Adressbüchern fand ich keine Hinweise. Per Email nahm ich deshalb Kontakt mit Jürgen Herbst auf und bat ihn um Hilfe. Er antwortete mir:
Ja, ich glaube Ihnen gern, daß Sie eine Familie Morgenstern in Wolfenbüttel nicht gefunden haben. Als ich mein Requiem schrieb, habe ich all die Namen der Personen geändert, von denen ich keine Erlaubnis bekommen konnte oder über die ich nur Schlechtes zu berichten hatte. So kenne ich den wirklichen Namen der „Morgensterns“ nicht, weiß nur, daß sie auf der Bahnhofstraße wohnten über den im Erdgeschoß wohnenden Zahnarzt Dr. Bartels. Es war dessen Sohn Hans-Dieter, der die Geschehnisse in seinem Haus in der Kristallnacht am nächsten Morgen auf dem Schulhof der Großen Schule berichtete.

Laut Adressbuch 1937 wohnten in der Bahnhofstraße 3 der Zahnarzt Bartels, eine Witwe, Branddirektor Schucht und eine Familie Pohly. Ich teilte Herbst mit, dass dort nur Max Pohly mit seiner Frau Regina wohnte. Pohlys hatten keine Kinder. 1933 habe in der Bahnhofstraße 4 eine Familie Cohn gewohnt: „Zum Zeitpunkt der Pogromnacht am 9./10.11.1938 waren die noch in Wolfenbüttel lebenden Juden fast alle bereits aus ihren Wohnungen vertrieben und anderweitig untergebracht worden.
Herbst antwortete: Nehmen wir an, daß die Familie Cohn auch 1938 noch in Nr. 4 wohnte, dann könnte es sich bei der von Hans-Dieter Bartels am 10. November auf dem Schulhof der Großen Schule beschriebenen Austreibung entweder um die Familie Cohn oder die Familie Pohly gehandelt haben oder vielleicht sogar um beide Familien. Wenn Hans-Dieter Bartels den Vorfall richtig beschrieb und meine Erinnerung mich nicht täuscht, dann handelte es sich um eine Familie mit einem wohl 8-12jährigen Jungen (In der Pogromnacht-Beschreibung oben bezeichnet Herbst den Jungen als Vierjährigen. J.K.) (den ich Albert Morgenstern nannte.) Wissen Sie, ob ein solcher Junge zu der Familie Cohn oder Pohly gehörte? Könnte man so die wirklichen Namen herausfinden?

Laut Adressbuch wohnten Samuel und Pauline Cohn 1938 im Esbergschen Haus in der Langen Herzogstraße 46. Beide können demnach in der Pogromnacht nicht aus der Bahnhofstraße 4 abgeholt worden sein. Samuel Cohn war 1938 bereits 76 Jahre alt, seine Frau Pauline 67 Jahre alt. Ihr Sohn Max war Veteran des Ersten Weltkrieges. Das Ehepaar hatte 1938 keinen Sohn der weder 4, noch 8 - 12 Jahre alt war.

1938 war Max Pohly 60 und Regina Pohly 51 Jahre alt. Das Ehepaar ist in der Pogromnacht nicht deportiert worden. Nur Max Pohly war (gemeinsam mit anderen erwachsenen männlichen Juden) nach Buchenwald gebracht und am 7.12.1938 entlassen worden. 1940 mussten sie ihre Wohnung in ihrem eigenen Haus verlassen und in ein „Judenhaus“ an der Karrenführerstraße umziehen. Von hier sind sie danach ins Warschauer Ghetto deportiert worden. Die Wolfenbütteler Familie Pohly war in Wolfenbüttel weit verzweigt und wohnte u.a. gegenüber dem Bahnhof, in der Halchterschen Straße, in der Leibnizstraße, in der Kommissstrasse, der Langen Herzogstraße und die oben Genannten in der Bahnhofstraße.

Weitere von Herbst erwähnte Gegebenheiten sind unzutreffend: In der Pogromnacht sind keine Familien in Konzentrationslager deportiert worden, schon gar nicht 4 - 12jährige Kinder. Auch die Darstellung, die Polizei habe die Morgensterns weggebracht, ist nicht belegbar. Nach Kuessner waren es wahrscheinlich nicht uniformierte „Sicherheitspolizisten“ und laut Ken Berger SS-Männer. Falsch ist die Behauptung, verschleppte Familien seien zu dieser Zeit für immer deportiert worden. (Von Hans-Harald Schirmer, Sohn einer Wolfenbütteler Arbeiterfamilie, liegen mir Erinnerungen an seine Familie und seine Kind- und Jugendzeit vor. Schirmer war bereits 1924 geboren worden. Seine Betrachtungen, ohne Selbstgerechtigkeit, drücken klar die Wolfenbütteler Verhältnisse aus. Vielleicht sind sich Herbst und Schirmer sogar begegnet. Kurz vor seinem Tod teilte Schirmer mir allerdings mit, er könne sich an einen Jürgen Herbst nicht erinnern. Schirmers Mutter hat bei Pohlys in der Bahnhofstraße 3 als Haushaltshilfe gearbeitet. Schirmer kannte das Ehepaar, schreibt aber nichts über deren Situation in der Pogromnacht. (Schirmer, Hans-Harald, Aus dem Leben meiner Eltern Hans und Luise Schirmer und aus meinem, ihres Sohnes, in Wolfenbüttel von 1924 – 1946, 91seitiges Typoscript, Stade 2003.) Zur korrekten Beschreibung dieser Zeit schrieb Schirmer mir im April 2003 u.a.: „Das zeigt aber auch, dass weiterhin eine intensive und nachhaltige Darstellung für das allgemeine Bewusstsein notwendig ist. So etwa ist es auch mit dem „deutschen“ Schicksalstag „9. November“ zu sehen. Ohne Hilfsmittel oder Stützen könnte ich das exakte Datum des Synagogenbrandes nicht nennen. Es fiel eben unter den ominösen Begriff „9. November“. Natürlich muss das Datum in einer Schrift, die sich darauf bezieht, korrekt sein.“ Eine Veröffentlichung dieser Schrift wäre zu überlegen ...)

Zwischenzeitlich hatte Herbst in Potsdam einen Verlag gefunden, der sein Werk in deutscher Übersetzung veröffentlichen wollte. Um seine umfangreichen auf die erfundene Familie Morgenstern gegründeten Reflektionen zur Verfolgung der Juden in Wolfenbüttel zu retten, begann er nun – was er eigentlich vor der Veröffentlichung seiner englischsprachigen Ausgabe hätte tun müssen – zu recherchieren. Stephan Pinkert, Pressesprecher der Stadt Wolfenbüttel, schrieb er am 26. Juni 2006:
Wie Sie wissen habe ich mich bemüht für die deutsche Ausgabe meines Requiems den wirklichen Namen der jüdischen Familie, die ich in der englischen Ausgabe Morgenstern nannte, zu finden. Das Ergebnis war, daß ich Angaben fand, die nicht übereinstimmen. Hans Dieter B., der 1938 als neunjähriger Junge unten im Haus der Bahnhofstraße 3 mit seinen Eltern, dem Zahnarzt Bartels, wohnte, erinnert sich sehr genau an die Vorgänge in der Kristallnacht als der über ihm wohnende Mann der jüdischen Familie abgeführt wurde. Hans Dieter meint sehr sicher zu sein, daß es sich bei der Familie um die kinderlosen Max und Regine Poly (oder Pohly) handelte. Max wurde in der Nacht abgeholt. Regine wurde mit einem vor die Wohnungstür geschobenen Möbelstück eingesperrt, und dann am nächsten morgen von anderen Hausbewohnern frei gemacht.
Die Website der jüdischen Ermittlungsstelle Yad Vashem in Jerusalem allerdings erwähnt nichts von Max und Regine Pohly in Wolfenbüttel, aber listet die Familie Max und Rita, geb. Frankenberg, Pohly, die auch zwei Töchter hatten, Alice, die 1938 13 Jahre alt war, und Hannah, die 17 Jahre alt war.
Es mag natürlich sein, daß die beiden Töchter nicht mehr bei ihren Eltern wohnten, und die beiden erwähnten Pohly Familien identisch sind und Hans Dieter sich im Vornamen der Frau irrt.
Andererseits gab es, soweit Hans Dieter sich erinnert, zwei Pohly Familien in Wolfenbüttel auf der Bahnhofstraße, bei einer davon war der Vater Viehhändler. Aber Yad Vashem scheint nichts davon zu wissen.
Meine Frage, oder Bitte, ist nun diese: Kann man in Wolfenbüttel in alten Wohnverzeichnissen nachforschen, welche Pohlys auf der Bahnhofstraße 3 über dem Zahnarzt B. wohnten?
Die Sache eilt ein wenig für mich, da das deutsche Requiem im Herbst erscheinen soll, und ich hätte natürlich gern diese Sache noch rechtzeitig geklärt.
Für Ihre Hilfe dabei wäre ich Ihnen sehr dankbar. Ich schreibe auch einen gleichen Brief an Frank Beier in Semmenstedt, denn auch er könnte sicherlich etwas zu dieser Frage beitragen. Ansonsten tut es mir leid, daß wir uns im Mai nicht haben in Wolfenbüttel sprechen können. Ich hatte Ihnen hoffentlich rechtzeitig geschrieben, aber dann nichts von Ihnen gehört. Bitte teilen Sie auch Herrn Gummert mit, daß das deutsche Requiem im Herbst erscheinen soll. Beabsichtigt er noch immer, es für die Wolfenbütteler Schulen zu bestellen? Wenn ja, dann sollte er sich mit dem Berlin-Brandenburg Verlag, mit Herrn André Förster, in Verbindung setzen.


Ich wollte mich an Herbsts „Zurechttürken“ Wolfenbütteler Geschichte nicht beteiligen, habe aber den renommierten Verlag Berlin Brandenburg auf die Probleme des Buches hingewiesen und unter anderem geschrieben:
Herr Herbst berichtet über jüdische Familien und über den Pogrom vom 9.11.1938. In der Nacht zum 10. November hat nicht die Polizei, sondern haben SS-Männer die jüdischen erwachsenen Männer zusammengeholt und schließlich nach Buchenwald gebracht - und haben Braunschweiger SS-Männer die Synagoge angesteckt. Kleine Kinder, wie Herbst berichtet, sind nicht abgeholt worden. Übrigens hat es den kleinen jüdischen Jungen, über den Herbst so eindringlich mitfühlend berichtet und auf den er samt Eltern (Familie Morgenstern) seine Betroffenheit über die Behandlung der Juden hauptsächlich gründet, nicht gegeben. Anhand von Belegen würde ich meine Unkenntnis gern zugeben. Bitte beachten Sie, woher Herr Herbst die Information über die aus dem Haus getriebene Familie hat. Es sind auch keine Frauen in der Nacht weggebracht worden. Übrigens sind alle nach Buchenwald gebrachten jüdischen Wolfenbütteler Männer nach und nach zurückgekehrt. Die Deportationen von Familien haben viel später begonnen. Herr Herbst kennt die Abläufe der Pogromnacht offenbar nicht und, was noch schlimmer ist, er hat sich offensichtlich auch nicht informiert.

Der Verlag hat das Manuskript durch einen „Fachhistoriker“ prüfen lassen und später eine Veröffentlichung – auch aus anderen Gründen – abgelehnt.

Im Mai 2006 besuchte Herbst Wolfenbüttel erneut und hielt vor den Schülerinnen und Schülern der Großen Schule einen Vortrag. Der BZ-Bericht darüber enthält einige der Herbstschen Falschdarstellungen. Mein dazu geschriebener Leserbrief, den die BZ am 1. Juni 2006 veröffentlichte, brachte mir einen anonymen Anruf ein mit dem Vorwurf, wie ich denn einen verdienstvollen Mann wie Herrn Herbst so kritisieren könne.

Fortsetzung Teil 2