Nazi-Opfer - Andersdenkende, Oppositionelle, Widerstandskämpfer

Fritz Brandes

1933 in Wendhausen
Fritz Brandes wird in Nazi-„Schutzhaft“ misshandelt

Von Uwe Otte, Lehre

Nach dem Krieg wurde der Sozialdemokrat Bürgermeister und Landrat

Wendhausen.
Fritz Brandes war ein Mann mit klaren Standpunkten. „Wenn die Nazis an die Macht kommen, dann gibt es Krieg“, war der engagierte Sozialdemokrat schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten überzeugt. Für ihn persönlich hatte der Nazi-Terror gegen politisch Andersdenkende im März 1933 schlimme Folgen: Vor 75 Jahren, am Abend des 30. März 1933, verhaftete ihn ein örtliches SA-Kommando in seinem Haus und brachte ihn in das „Volksfreundgebäude“ nach Braunschweig.

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Fritz Brandes um 1920 und Anfang der 1940er Jahre

Dort wurde Fritz (Friedrich) Brandes wie so viele andere auf brutale Art von den Nazi-Schlägern misshandelt. Ein SA-Mann machte ihm unmissverständlich klar: „Du kannst froh sein, du rotes Schwein, dass ich heut’ Geburtstag hab’, sonst hätten wir dich totgeschlagen“. Brandes war seit 1929 Mitglied im Kreistag gewesen. Sein „Vergehen“ bestand offensichtlich darin, dass er seine politische Meinung immer deutlich geäußert hatte. „Wenn Adolf an die Macht kommt, haben alle Spatzen ein Gewehr“, diese sarkastischen Worte waren dann der Anlass für seine Verhaftung.

Fritz Brandes wurde wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ bis zum 18. April 1933 in „Schutzhaft“ festgehalten. Er hielt sich dann aus Sorge um seine Familie politisch zurück. Es bestanden jedoch weiterhin private Kontakte zu anderen Sozialdemokraten.

Als Folge der schweren Misshandlungen durch die Nazis legte Brandes sein Kreistagsmandat „freiwillig“ nieder. So hatten es die Nazis zynisch in einer vorgefertigten Erklärung formuliert, die Brandes unterschreiben musste. Darin hieß es außerdem, dass er sich „in Anbetracht der veränderten politischen Lage“ nicht mehr politisch betätigen wolle und dass er diese Aussage „freiwillig“ und „ohne jeden Zwang“ abgegeben habe. Doch die Nazis misstrauten Brandes auch weiterhin. In einem Bericht aus dem Jahr 1935 vermerkte der zuständige Landjägermeister in Lehre: „Eine dauernde Kontrolle wird nach Rücksprache mit den zuständigen Stellen nicht für erforderlich gehalten. B. hat sich in die Volksgemeinschaft eingefügt“.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges wurde Fritz Brandes im Alter von 44 Jahren noch zur Wehrmacht eingezogen. Ohne an militärischen Aktionen teilnehmen zu müssen, wurde er vor dem „Frankreich-Feldzug“ wieder entlassen. Auch die zahlreichen Siegesmeldungen in den ersten Kriegsjahren konnten Fritz Brandes nicht beirren. „Wir verlieren diesen Krieg!“, war er sich sicher. Zum Ende des Krieges bewachte er bei den „Landesschützen“ die Muna Lehre und musste dann zum „Volkssturm“.

Brandes wurde im Oktober 1895 in Wendhausen geboren. Nach dem Besuch der Volksschule lernte er Tischler und war später als Viehhändler tätig. Mit Kriegsbeginn 1914 meldete er sich freiwillig als Soldat. Geprägt durch die Schrecken und Erfahrungen des 1. Weltkrieges trat er in die SPD ein. In seiner politischen Grundüberzeugung wurde Brandes von seiner Familie unterstützt: Er wollte nicht akzeptieren, dass viele Menschen gar nichts besaßen und andere im Überfluss schwelgten. In seiner Freizeit traf er sich gern mit Freunden zum Karten spielen.

Nach der Befreiung Wendhausens durch amerikanische Truppen am 11. April 1945 wurde Brandes als Bürgermeister eingesetzt. Seine Hauptaufgabe bestand in der Unterbringung der zahlreichen Flüchtlinge. Bei den Kommunalwahlen im Jahr 1946 wurde Brandes in den Gemeinderat und in den Kreistag gewählt. Der Kreistag wählte ihn dann zum Landrat. Doch seine demokratischen Ämter konnte Fritz Brandes nur kurze Zeit ausüben: Im Dezember 1946 verstarb er. Seine Tochter ist überzeugt, dass sein früher Tod mit den Geschehnissen während der Nazi-Zeit zusammenhängt, die sich ihr Vater „sehr zu Herzen genommen hat“. Sie charakterisiert ihn so: „Er war ein sehr streitbarer politischer Mensch. Er war gutmütig, konnte gut mit Menschen umgehen und der Beruf eines Händlers lag ihm.“

Nach Kriegsende wurde Brandes in Wendhausen wiederholt auf die Möglichkeit angesprochen, sich nun an den Nazis, die ihn misshandelt hatten, zu rächen. Er wies diese Möglichkeit jedoch zurück: „Ich will kein Blut an den Händen haben“. Für Fritz Brandes, den ersten Nachkriegsbürgermeister Wendhausens und ersten frei gewählten Landrat des Landkreises Braunschweig, gibt es bislang keinen Ort der Erinnerung. Die „Braunschweiger Zeitung“ würdigte Fritz Brandes anlässlich seines Todes mit den Worten: „Damit verliert Braunschweig und die Sozialdemokratische Partei einen ihrer fähigsten Köpfe. Sein Leben war nur Arbeit und Kampf“.

Auf die „Schutzhaft“ von Fritz Brandes ist Uwe Otte bei seinen Recherchen zur NS-Geschichte seiner Heimatgemeinde Lehre durch einen Aktenhinweis gestoßen. Er hat mehrere Gespräche mit der Tochter von Fritz Brandes und weiteren Zeitzeugen geführt und in Archiven geforscht. Otte: „Auffällig ist, dass es in Wendhausen anders als in Lehre bis Anfang 1933 eine beachtliche sozialdemokratische Tradition gab, die sich den Nazis widersetzte. Einen großen Anteil daran hatte Fritz Brandes mit seiner unermüdlichen Arbeit“. Seine Tochter hält es für wichtig, die Erinnerung an ihren Vater wach zu halten und erzählt deshalb auch ihren Enkelkindern von den schrecklichen Geschehnissen in der NS-Zeit. In der Hoffnung, dass sich Gleiches niemals mehr wiederholt. Uwe Otte will sich dafür einsetzen, dass zukünftig in angemessener Form an diesen mutigen Demokraten erinnert wird, gerade auch vor dem Hintergrund des aktuellen Rechtsextremismus.

Kontakt: Uwe-Otte-Lehre@t-online.de