"Die Hitlerdiktatur ist zwar militärisch, aber nie ideologisch besiegt worden." (Ralph Giordano am 19.3.1997 in Braunschweig)

Spurensuche, warum?

Joachim Esberg
"Nun wisst ihr was soll es bedeuten"

Gedichte und Briefe vor Auschwitz

Ein neues Buch mit nach mehr als 70 Jahren aufgefundenen Gedichten.

Anne Franks Tagebuch ist ein historisches Dokument aus der Zeit der mörderischen Verfolgung und Ermordung von Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus, dessen deutsches „Drittes“ Reich“ fast ganz Europa mit dem Vorhaben der Ausrottung der Menschen überzog, die Adolf Hitler als Ungeziefer, als Untermenschen und als unwertes Leben eingestuft hatte. Ein überwältigender Teil des Deutschen Volkes übernahm jubelnd und zustimmend diese Attribute und half engagiert und brutal, die Massenmorde auszuführen.

Viele verfolgte Deutsche verließen das Land, um in beinahe allen Erteilen der Welt Sicherheit vor den potentiellen Mördern zu finden. Anne Frank flüchtete mit ihrer Familie nach Holland und wurde durch die Deutsche Wehrmacht eingeholt. Das Versteck der Familie wurde verraten. Es folgte die Deportation in Konzentrationslager. Im Versteck in Amsterdam schrieb Anne Frank ein Tagebuch, das nach der Befreiung von den Deutschen, die Nationalsozialisten waren oder ihnen geholfen hatten, gefunden wurde.

Ein ähnliches Schicksal hatte Joachim Esberg aus Wolfenbüttel. Im August 1933 flüchtete er im Alter von 17 Jahren nach Gent in Belgien. Nach dem Abitur studierte er Germanistik in der Universität Gent. Während dieser Zeit schrieb er 50 Gedichte in eine Kladde und Briefe an seine nach London geflüchtete Freundin. Kurz bevor die Deutsche Wehrmacht Belgien überfiel und besetzte, ordnete die belgische Regierung die Deportation von deutschen Juden in Lager in der Nähe der Pyrenäen an. Gemeinsam mit seinem Vater und seinem Cousin mussten die nun in diesen Lagern ihr Leben fristen. Joachim Esbergs Vater gelang die Flucht aus den Lagern, wurde von Franzosen versteckt und konnte daher überleben. Joachim Esberg und sein Cousin wurden nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Joachim wurde in Birkenau umgebracht, sein Cousin überlebte das Konzentrationslager Buchenwald nicht.

70 Jahre später fand ein in Leipzig lebender Cousin in Gent die Kladde mit den 50 Gedichten und übergab das Dokument der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Ein Herausgeberteam - Kristlieb Adloff, Reinhard Försterling, Jürgen Kumlehn - veröffentlichten die Gedichte mit den Briefen und weiteren Texten im Oktober 2013 im Braunschweiger Verlag Appelhans.

Martin Jasper schrieb in der Braunschweiger Zeitung über das Buch:
Gedichte, die getränkt sind von der Bitterkeit des jüdischen Verstoßenseins. Zornig aufbegehrend, schwarz verzweifelnd, fatalistisch sich fügend. Nicht makellos, doch von unmittelbarer Intensität des Schmerzes. Und oftmals von einer Wortmächtigkeit, einer Rhythmik, welche die Schulung an der deutschen Klassik und Romantik verraten. Man kann die Wirkung dieser Gedichte nicht besser beschreiben als der Journalist Wolfgang Büscher, dessen Aufsatz, ursprünglich im Zeit-Magazin erschienen, in dem Buch abgedruckt ist. Er schreibt: „Sie wirken intravenös Wer ein Herz im Leib hat, kann sie nicht lesen, ohne geschüttelt zu werden. Diese Stimme, sie flüstert und schreit, sie betet und klingt so nahe, als läge nur eine papierdünne Wand zwischen der Genter Studentenkammer am Vorabend der Hölle, in der er dies Verse schrieb, und unserem Hier und jetzt."

Die Gedichte erzählen davon, wie das ist, wenn Menschen das Menschsein abgesprochen wird, wenn auch die Gefahr dort wächst, wohin man geflohen ist. Die Gedichte sind nicht die einzigen Lebensspuren des Joachim Esberg. Sie werden ergänzt durch Briefe an seine Jugendfreundin aus Wolfenbütteler Tagen, die nach London fliehen konnte. Geschrieben hat er sie in Gent und in den Pyrenäenlagern.

Ach, ich vergaß ...!

Warum nur muss ich bettelnd flehen
Um etwas, das mein Eigentum?
Warum denn, saget mir, warum
Muss ich vor fremden Türen stehen?

Tat etwa ich, wie man nicht tut?
Bin ich nicht, was ihr alle seid:
Ein Mensch voll seiner Menschlichkeit?
Ach, ich vergaß – bin ja ein „Jud'!
1938

Das Buch ist in Buchhandlungen erhältlich oder
kann dort bestellt werden.
Es ist im Appelhans Verlag Braunschweig
erschienen und umfasst 159 Seiten.
ISBN 978-3-944939-13-1
Preis: 14,80 Euro
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